Was macht die Kunst? Tomato Soup von Andy Warhol

Eine Frau lächelt in die Kamera
Kia Vahland

Was macht die Kunst? Tomato Soup von Andy Warhol

Lebensmittelverschwendung, Plastikteilchen in Körpern und sogar in entfernten Gegenden; und nun wurden auch noch Konservendosen von Stiftung Warentest schlecht getestet: Etwas stimmt mit unserer Warenwelt, unserem Essen nicht. Die Radio-Bremen-Kolumnistin, Kunsthistorikerin und Autorin Kia Vahland erklärt, wie Andy Warhol schon 1962 den Blick auf Fertigprodukte in Konservendosen lenkte.

Bild: Börsenverein des deutschen Buchhandels | Moe Wuestenhagen

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Kunstwerk von Andy Warhol zeigt 32 Dosen mit "Campbell Tomato Soup"
Bildunterschrift: Andy Warhols Kunstwerk "Campbell‘s Soup Cans" mit 32 Dosen, zu sehen ist diese Fassung im Museum of Modern Art in New York. Bild: Wikipedia | Museum of Modern Art New York

In unserer Warenwelt und unserem Essen steht es nicht zum Besten. Kia Vahland erklärt, wie Andy Warhol schon 1962 den Blick auf Fertigprodukte in Konservendosen lenkte.

Es gibt viele alte Techniken, Essen haltbar zu machen; man kann es salzen, räuchern, trocknen. Mit der Konservendose, die ein britischer Kaufmann 1810 patentieren ließ, konnten auch große Mengen Essen sowohl haltbar als auch transportabel gemacht werden, um vor allem Heere von Soldaten zu versorgen. Später diente die Konserve auch der Versorgung breiter Bevölkerungsschichten; im 20. Jahrhundert wurde sie massenhaft hergestellt.

Die Konserve suggeriert, man könne sich unabhängig machen von der Natur, also der Nahrung, die man an Ort und Stelle zu einer bestimmten Jahreszeit findet. Sie setzte sich durch, obwohl es in der Anfangsphase der Konserve noch zu vielen Bleivergiftungen gekommen war. Essen in Dosen war gemacht für die anbrechende Moderne, denn es verband Massenproduktion, Bequemlichkeit, Mobilität. Eine Illusion der Kontrolle und Machbarkeit also.

Die Dose ist erst einmal unscheinbar, ein Wegwerfprodukt. Das war es, was Andy Warhol so reizte, als er 1962 Konserven ins Bild setzte. Er kannte sich mit Werbegrafiken aus; ihm fiel die Marke Campbell‘s mit ihrem eleganten Schriftzug auf. Dort gab es Tomatensuppen, Rindersuppen und andere Geschmacksrichtungen. Warhol porträtierte alle 32 Sorten auf eine sehr grafische Art. Später behauptete er, seine bescheiden lebende Mutter habe mittags immer Campbell's aufgewärmt und die Dosen dann als Blumenvasen verwendet. Damit verortete er die Dose in der Welt der kleinen Leute, tatsächlich aber war sie ein Produkt, das alle Schichten nutzten. Warhols Bilder waren eine Provokation, sie waren Gesprächsstoff und Anlass für Kritiken in der "New York Times". Schließlich tilgte der Künstler traditionelle Gestaltungsprinzipien, die von der Renaissance bis zum Beginn der Moderne Gemälde ausgemacht haben. Es gibt keinen Mittelpunkt und so gut wie keine räumliche Tiefe. Stattdessen übernimmt Warhol die Ästhetik der Warenwelt, und sagt: Schaut hin, was ihr eigentlich jeden Tag zu euch nehmt. Damit hat er tatsächlich die Kunst erneuert, sie im Alltag der Konsumkultur ankommen lassen.


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  • Kia Vahland

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Gesprächszeit mit Christian Erber

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