Was macht die Kunst? Jesus unter den Schriftgelehrten von Albrecht Dürer

Gemälde von Albrecht Dürer 1506: Jesus mit den Schriftgelehrten von Madrid
Albrecht Dürers Gemälde von 1506: Jesus mit den Schriftgelehrten. Zu sehen ist es im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid.

Was macht die Kunst? Jesus unter den Schriftgelehrten von Albrecht Dürer

Angriffe auf demokratische Politiker nehmen im Europawahlkampf zu. Was als Hassrede im Internet begann, führt inzwischen zu Gewalt im öffentlichen Raum. In Gefahr gerät dabei auch die Debattenkultur – und damit eine Errungenschaft, die eine lange Tradition hat. Welche, erklärt die Autorin, Kunsthistorikerin und Bremen Zwei-Kolumnistin Kia Vahland anhand eines Gemäldes von Albrecht Dürer aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Bild: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

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Gemälde von Albrecht Dürer 1506: Jesus mit den Schriftgelehrten von Madrid
Albrecht Dürers Gemälde von 1506: Jesus mit den Schriftgelehrten von Madrid. Bild: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

Die Debattenkultur ist eine Errungenschaft, die eine lange Tradition hat. Welche, erklärt die Kunsthistorikerin Kia Vahland anhand eines Gemäldes von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1506.

Sich mit Argumenten erklären zu müssen, statt einfach ein Machtwort zu sprechen: Das stellt per se absolute Herrschaftsansprüche in Frage. Ein Tyrann erklärt und antwortet nicht; er tut dies höchstens zum Schein mit herangezogenen Pseudoargumenten. Auch deswegen war den Denkern der Aufklärung der Austausch von Argumenten so wichtig; es ging gegen die Fürstenwillkür. Doch der Wunsch nach respektvoller Auseinandersetzung ist viel älter, er wird etwa in der Philosophie seit jeher gepflegt. In der Renaissance war unter Humanisten die Dialogkultur beliebt: Man diskutierte in freier Rede und Gegenrede über Gott, die Liebe und die Welt. Das wurde dann verschriftlicht. Und es regte auch die Maler an.

Albrecht Dürer erfreute sich in Venedig am Respekt, der Künstlern entgegengebracht wurde und schrieb nach Deutschland "Hier bin ich ein Herr, daheim bin ich ein Schmarotzer." Dürer hatte schon in Nürnberg Kontakt mit Humanisten. Wohl 1506, in dem Jahr, als er in Venedig war, malte er dann das Debattenbild schlechthin. Es zeigt den 12-jährigen Jesus, der sich von seiner Mutter entfernt hat, um im Tempel mit den Schriftgelehrten zu diskutieren. Diese drängen sich um den Jungen, staunen, halten ihm ein Buch entgegen oder lesen kurz etwas nach, um es in das Gespräch einzubringen. Im Zentrum stehen vier gestikulierende Hände: die des Knaben und die eines Alten. Der hält womöglich eine eifernde Gegenrede, Dürer karikiert ihn beinahe. Jesus scheint an den Fingern seine Argumente abzuzählen. Er bleibt sachlich, von überlegener Ruhe stellt er sich den Zweifeln. Das macht seinen Auftritt so überzeugend.

Das ist es, was nun wir alle verteidigen müssen, die offene Gesellschaft und eine Atmosphäre, in der man widersprechen und sich eine Meinung in angstfreier Auseinandersetzung überhaupt erst bilden kann.


Autor/Autorin

  • Kia Vahland

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