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Im Porträt Literaturkritikerin Sigrid Löffler: "Die erste Buchseite entscheidet"

Autorinnen

Sigrid Löffler
Wurde zu einem der führenden Kulturköpfe Deutschlands: Sigrid Löffler Bild: Sigrid Löffler | gezett.de

Ihr Urteil über Literatur und den Literaturbetrieb ist meinungsstark und unbestechlich. Am 26. Juni wird die Journalistin, Literaturkritikerin und Autorin Sigrid Löffler 80 Jahre alt.

Sigrid Löffler
Sigrid Löffler

Gesprächszeit "Hin und wieder fliegt einer mit seiner Mine in die Luft" – Sigrid Löffler

Ihr Urteil über Literatur und den Literaturbetrieb ist meinungsstark und unbestechlich. Nun wird die Kritikerin und Journalistin Sigrid Löffler 80 Jahre alt.

Bild: Sigrid Löffler | gezett.de

In ihrer Kolumne "Löfflers Lektüren" bespricht sie für die Hörerinnen und Hörer von Bremen Zwei die wichtigsten Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine Mischung subjektiver und objektiver Kriterien liegt ihrem Urteil zugrunde, sagt Löffler. Ob ein Buch gut ist oder nicht, entscheide sich in der Regel schon auf der ersten Seite: "Ich täusche mich da selten, das sage ich jetzt in aller Unbescheidenheit. Aber so wie ein Roman beginnt, so kann man eigentlich schon feststellen, ob der eine Qualität hat oder nicht".

Wer hätte denn Lust, den "Struwwelpeter" zu lesen, wenn er als Alternative "Alice im Wunderland" hat?

Sigrid Löffler über die Vorzüge englischsprachiger Literatur

Sigrid Löffler wurde 1932 in der damaligen Tschechoslowakei geboren, sie wuchs als Lehrertochter in Wien auf. Auf Wunsch des Vaters absolvierte sie ein Lehramtsstudium – allerdings studierte sie nicht, wie gewünscht, Geschichte, sondern Anglistik und Germanistik. Besonders die Anglistik sei ihr ans Herz gewachsen: "Die ist weltoffen, die ist pragmatisch, die hat Humor, die hat Common Sense, die ist immer verankert in den realen Gegebenheiten der Welt und des Lebens. Ich habe mich darin immer wiedergefunden und wohlgefühlt." Die deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts dagegen sei oft dröge, pädagogisierend und moralisierend: "Nehmen Sie nur mal den Struwwelpeter her. Wer hätte denn Lust, den Struwwelpeter zu lesen, wenn er als Alternative 'Alice im Wunderland' hat?“

Die Liebe zur englischen Literatur und der Heimat Shakespeares ist Sigrid Löffler immer geblieben: "Ich habe immer – eigentlich bis heute – das Gefühl, dass die deutschsprachige Literatur, vor allem die deutsche, nur die Pflicht ist, die englische Literatur aber ist die Kür."  

Es war mir nie genug, als Theaterkritikerin das Burgtheater mit dem Josefstädter Theater zu vergleichen. Das war mir zu eng.

Sigrid Löffler über die Gründe, warum sie ihre Fühler auch nach Deutschland ausgestreckt hat

Ins Berufsleben startete Löffler als Journalistin im Ressort Außenpolitik bei der österreichischen Zeitung "Die Presse". "Ich hatte keine Ahnung von Außenpolitik, ich war eine ziemlich verträumte Germanistin und Anglistin", erinnert sie sich an diese Zeit. Später arbeitete sie für das linksliberale Magazin "Profil", für die "Zeit" und die "Süddeutsche" in Deutschland.

Als Jurymitglied des Berliner Theatertreffens konnte sie alle wichtigen Theaterpremieren im deutschsprachigen Raum besuchen und tobte sich als Kulturjournalistin aus. Sie interviewte Theatermacher, Autorinnen und Autoren, die von überall herkamen: "Das war mir schon wichtig, dass ich die große, weite Welt reinbringe in diese etwas muffige Wiener Szene, die doch ein bisschen engstirnig gewesen ist. Es war mir nie genug, als Theaterkritikerin das Burgtheater mit dem Josefstädter Theater zu vergleichen. Das war mir zu eng."

Das Quartett und die Kunst des Streitens

Von 1988 bis 2001 war Löffler Teil des legendären "Literarischen Quartetts" im ZDF. Zusammen mit Wolfgang Karasek und Marcel Reich-Ranicki bildete sie zwölf Jahre die Stammbesetzung. Stolz ist Löffler darauf, dass durch das Quartett Autorinnen wie Ruth Klüger, Cees Noteboom, Javier Marías oder Imre Kertész bekannt geworden sind: "Wir haben da schon auch Geburtshelfer-Dienste an großen Autoren leisten können, die es sonst wahrscheinlich auf dem Markt eher schwer gehabt hätten. Und dass die dann zum Teil auch Bestseller-Autoren geworden sind, würde ich schon in Anspruch nehmen wollen für die Wirkung dieser Sendung." Nicht selten ging es hoch her zwischen den Literatur-Experten. Sigrid Löffler verließ das Quartett schließlich, nachdem sie von Marcel Reich-Ranicki in zwei Sendungen persönlich angegriffen wurde.

Der Literaturkritiker, der wirklich beinhart und humorlos seinem Gewerbe nachgeht – der ist nicht mehr sehr gefragt.

Sigrid Löffler über die Zukunft ihres Berufsstandes

Nach dem Ausstieg aus dem "Quartett" gründete Sigrid Löffler das Büchermagazin "Literaturen" und arbeitete weiterhin als Theaterkritikerin. Sie lebt heute mit ihrem Mann in Berlin, nach Österreich zieht sie nichts zurück, sagt sie: "Es ist weiterhin ein ziemlich muffiges Land, auch wenn es sich touristisch ganz hübsch herausgeputzt hat."

Jungen Menschen würde sie heute von ihrem Beruf eher abraten: "Der Literaturkritiker, der wirklich beinhart und humorlos seinem Gewerbe nachgeht und das Gute vom Bösen trennen will und versucht, die Trennung zwischen guter Literatur und weniger guter Literatur einzuhalten – der ist nicht mehr sehr gefragt", so Löffler. Wer sich aber nicht zum verlängerten Arm der Marktstrategen im Buchmarkt machen wolle, müsse das Gute vom Schlechten trennen und dafür auch die Konsequenzen tragen: "Wir sind da die Spürhunde, aber auch die Minenhunde. Und hin und wieder fliegt einer mit seiner Mine in die Luft."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 23. Juni 2022, 18:05 Uhr