Im Porträt Zwischen Pflege und Porno: Die Kontraste in seinem Leben sind hart

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Ein am Körper und Kopf tätowierter Mann mit Glatze schaut in die Kamera
Für Menschen wie ihn, hat unsere Gesellschaft kein Konzept, sagt Florian Kunze Forrest. Bild: Santiago Neyra

Florian Kunze-Forrest liebt den harten Kontrast. Er ist leidenschaftlicher Krankenpfleger und würde diese Arbeit nie aufgeben. Aber auch von seinen Einnahmen auf OnlyFans könnte er inzwischen leben. Für die Video-Plattform produziert er privat gedrehte Pornos.

Ein am Körper und Kopf tätowierter Mann mit Glatze schaut in die Kamera

Gesprächszeit Pflege und Porno: So bunt ist das Leben von Florian Kunze-Forrest

Florian Kunze-Forrest liebt den harten Kontrast. Hauptberuflich ist er leidenschaftlicher Krankenpfleger und auf OnlyFans produziert er Pornos.

Bild: Santiago Neyra

Florian Kunze-Forrest fällt auf. Von Kopf bis Fuß zieren Tattoos seinen Körper, die auch ein wenig Schutzschild für ihn sind. "Es führt bei Menschen zu Respekt", so seine Erfahrung. Sein allererstes Tattoo waren Sterne auf der Brust, inzwischen wurde das ein oder andere ältere Tattoo schon überarbeitet. Die Erstwerke passen zum Gesamtkunstwerk und das Anstarren beim U-Bahn-Fahren in seiner Wahlheimat Berlin-Friedrichshain ist überschaubar. "Ich glaube in Berlin fällt niemand auf“, schmunzelt er.

Wie vom Mars

In seiner Heimat allerdings ist das anders. Aufgewachsen ist Kunze Forrest in einem 5.000-Seelen-Dorf an der französischen Grenze im Saarland. "Wenn ich mit meinem Erscheinungsbild bei uns durch die Altstadt von Saarlouis laufe, komme ich natürlich vom Mars für die. Wie so ein Flamingo."

Ich konnte ohne Mutti gar nichts machen.

Florian Kunze-Forrest über sich selbst als Kind

Wenn er über seine Kindheit spricht, sagt der 42-Jährige, dass er ein sensibles, anhängliches und ruhiges Kind war. Eine Art Sonderling, erinnert sich Kunze-Forrest:  "Ich konnte ohne Mutti gar nichts machen." Seine Mutter starb an Hautkrebs als er 17 war – die Gelegenheit, sich vor ihr noch als homosexuell zu outen, gab es vor ihrem Tod nicht mehr. Trotzdem ist er sich sicher, dass seine Mutter die Wahrheit über seine sexuelle Identität geahnt hat. Ihr Verhältnis war so eng, dass er sich ihr Geburtsdatum unter die Augen tätowiert hat. "Ich habe sehr viele Jahre gebraucht, damit ich mit ihrem Tod klarkam und das verarbeiten konnte."

Ich hatte lange Zeit mit mir zu kämpfen, weil ich dachte, ich bin ein schlechter Mensch.

Florian Kunze Forrest über seine Pubertät

In der Pubertät wurde er lange von Mitschülern abgelehnt und machte Erfahrungen mit Mobbing, bis er die Schule wechselte: "Ich hatte lange Zeit mit mir zu kämpfen, weil ich dachte, ich bin ein schlechter Mensch. Oder ich bin es nicht wert, dass man mit mir befreundet ist." Noch heute, sagt Florian Kunze-Forrest, müssen sich Freunde das Vertrauen bei ihm erarbeiten.

Er pflegt junge Menschen mit Psychosen

Empathie und Humor - auch das hat seine Mutter ihm mitgegeben. In seinem Job als Gesundheits- und Krankenpfleger und Stationsleiter in einem Krankenhaus kümmert er sich heute um junge Erwachsene mit Psychosen. Am Aufbau der neuen Station vor rund zehn Jahren war er beteiligt. Früher sagt er, seien diese Patientinnen und Patienten entweder viel zu früh in geschlossene Stationen gesteckt worden oder seien im Gesundheitssystem versandet. Heute werde viel mehr Aufklärung zum Beispiel über die Auswirkungen von Drogenkonsum geleistet und die jungen Erwachsenen langsam an Therapiemöglichkeiten herangeführt. "Die Art und Weise wie wir mit den Menschen dort arbeiten ist auf Augenhöhe."

Ich liebe diesen Job und würde ihn auch für nix auf dieser Erde hergeben.

Florian Kunze-Forrest über die Erfüllung, die er in seinem Job in der Pflege findet.

Manchmal, sagt er, geht es bei ihm auf Station auch wie in einem Schullandheim zu. Dann ist er gleichzeitig in der Rolle des großen Bruders und der liebevollen aber oft auch strengen Mutter. Diesen etwas pädagogischen Umgang würden seine Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 16 und 28 auch brauchen. Mit ihnen ihren Alltag zu trainieren, macht Florian Kunze-Forrest großen Spaß: "Ich liebe diesen Job und ich würde ihn auch für nichts auf dieser Erde hergeben.“

Sexpositiv auf OnlyFans unterwegs

Wenn er all die Schicksale mit nach Hause nehmen würde, könnte er seinen Job nicht machen, sagt Florian Kunze-Forrest. Das Abgrenzen gelingt ihm gut und sein zweiter Job könnte kaum fernerliegen. Kunze-Forrest bezeichnet sich als "sexpositiv" und bietet auf OnlyFans, einer Online-Plattform, auf der Mitglieder für seine Videos bezahlen können, seine privat gedrehten Pornos an. Dabei hat er festgestellt, dass er mit seinen Vorlieben nicht alleine ist. "Seit ich OnlyFans mache, treffe ich Leute, die kommen vom gleichen Planeten wie ich. Und das tut mir total gut." Und obwohl er inzwischen auch davon leben könnte, würde er seinen Job in der Krankenpflege nie aufgeben: "Ich würde mich nie davon abhängig machen wollen."

Alle konsumieren so was, aber keiner darf es machen.

Florian Kunze-Forrest über die Anfeindungen, die er wegen OnlyFans bekommt

Unter Freunden hat er nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er privat Pornos produziert. Bei der Arbeit erfuhr es sein Team nachdem er Teilnehmer bei der schwulen Dating-Show "Prince Charming" auf RTL+ war. Für den lockeren Umgang seines Arbeitgebers mit dem Thema ist er noch heute dankbar, denn auch wenn er nicht von seinen Filmen auf Only-Fans lebt, wünscht er sich für Sexarbeit mehr Verständnis in der Gesellschaft: "Es ist ja heute immer noch so, dass es in der Gesellschaft so eine Doppelmoral gibt. Alle konsumieren so was, aber keiner darf es machen. Oder darf es sagen."

Keine Schublade passt für Menschen wie ihn

Die Gesellschaft habe für Leute wie ihn kein Konzept, sagt er über sich selbst. Es gebe einfach keine Schublade, in die ihn die Gesellschaft stecken könne. "Die Menschen verstehen nicht, dass man zum Beispiele normale Berufe wie Krankenpflege macht, aber dann aussehen kann wie ich. Und dann bin ich von der Art her anders als ich aussehe. Ich bin offen und erzähle immer von allem – OnlyFans und Porno uns so – und das verwirrt die Menschen extrem." Dafür bekommen Leute, die sich durch seinen Instagram- oder X-Account klicken oder seinen Podcast "Stadt. Land. Schwul" hören, einen anderen Zugang zu ihrer Sexualität, ist er sich sicher. Eine feste Beziehung möchte er aktuell nicht. Obwohl er tolle Beziehungen hatte, hat er gemerkt, dass er selbst viel Raum einnimmt und viel Zeit für sich einnimmt. "Ich war immer schon gern allein und kann mich unfassbar gut mit mir allein beschäftigen."

Florian Kunze Forrest zu Gast im Podcast "SPUTNIK Pride"

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 22. Februar 2024, 18:05 Uhr

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