Die Morgenandacht Anna

Frauke Löffler
Frauke Löffler

Die Morgenandacht Anna

In Annas Kiosk bekam jedes einen kleinen Kirschlolli geschenkt. Anna hatte selbst keine Familie und keine Kinder. Als sie hochbetagt starb, trauerten trotzdem viele um sie und gingen von der Trauerfeier wieder mit einem Lolli nach Hause.

Bild: Bremische Evangelische Kirche

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In Annas Kiosk bekam jedes einen kleinen Kirschlolli geschenkt. Anna hatte selbst keine Familie und keine Kinder. Als sie hochbetagt starb, trauerten trotzdem viele um sie und gingen von der Trauerfeier wieder mit einem Lolli nach Hause.

Ihre Lollis sind das Beste! In dem kleinen Kiosk an der Hauptstraße gibt es Zeitungen und Zeitschriften, Süßigkeiten als Stückware, Lotto und Zigaretten. Und, wann immer ein Kind den Laden betritt, gibt es einen Kirschlolli. Hinterm Tresen steht Anna und ist immer bereit für einen Schnack. Ihr gehört der Kiosk. Anna hat viel erlebt in ihrem Leben, nicht nur in ihrem Kiosk. Die Mutter, selbst fast noch ein Kind, als sie zur Welt kommt. Die Großeltern finden: das gehört sich nicht und übernehmen die Erziehung des Kindes. Der Vater wird nicht erwähnt. Später heiratet die Mutter und zieht weg. Anna wächst auf mit dem Gefühl, zurück gelassen worden zu sein. Sie sorgt für die Großeltern als diese pflegebedürftig werden. Sie mag Kinder, bekommt aber selbst nie welche. Aber jedes Kind, das in den Laden kommt, bekommt einen Kirschlolli. Anna ist eine Institution im Stadtteil, nicht nur wegen der Kirschlollis, sondern auch wegen ihrer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Als sie die Arbeit nicht mehr leisten kann, gibt sie den Kiosk auf. Doch wie das so ist: viel hat sie nicht eingezahlt, deswegen bekommt sie wenig Rente. Aber sie ist bescheiden. Kommt mit wenig zurecht. Und ist trotzdem immer wie aus dem Ei gepellt. Mehrfach erkrankt sie schwer und immer wieder kämpft sie sich zurück auf die Beine. Und als sie in den letzten Jahren kaum noch laufen kann, da sitzt sie zu Hause und strickt. Nicht für sich, sondern für die Obdachlosen, für die, die warme Kleidung brauchen. Als ihre Nachbarschaftshelferin überraschend stirbt, hat sie niemanden mehr, der sich um das Grab der Großeltern kümmert. Und als der Totensonntag herbei rückt, ist sie fast verzweifelt, weil sie den Gedanken nicht ertragen kann, dass das Grab an diesem Tag ungepflegt ist. Und dann passiert ein kleines Wunder: es findet sich jemand, der das Grab herrichtet: einer, der früher immer Kirschlollis von ihr bekommen hat.

Nur kurze Zeit später stirbt sie selbst. Die Beerdigung hat sie schon bezahlt, das hätte sie nicht gewollt, dass das jemand anderes tun muss – und es ist ja auch niemand da, der sich hätte kümmern können. Viel Geld hatte sie nicht, also hat sie das günstigste genommen: anonym und ohne Trauerfeier. Einfach vom Wagen runter, wie man sagt. "Habt ihr gehört, Anna ist gestorben" klingt es durch den Stadtteil. Die Nachbarin sagt: sie wollte immer eine der Puppen mit in den Sarg haben und geht heimlich noch mal in die Wohnung, holt eine raus und bringt sie der Bestatterin. Wir wollen ihr einen schönen Abschied machen, sagen einige. Also gibt es doch eine kleine Trauerfeier: eine bringt ein Sarggesteck mit. Die Deko in der Kapelle stammt von der Bestattung vorher – das hat die Bestatterin vorgeschlagen. Und sie spricht auch den Organisten an und der spielt für Anna "So nimm denn meine Hände". Es kommen keine Hunderte, aber einige Menschen sind da. Und es gibt Kirschlollis und Erinnerungen an Anna in ihrem Kiosk, beim Stricken und dass sie immer so schöne Ohrringe trug. Eine Hand voll Kirschlollis bekommt sie mit ins Grab. Und hinterher sagen alle: das hätte ihr wohl gefallen.

"Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, deswegen habe ich dich zu mir gezogen, aus lauter Liebe." Und für einen Moment schmeckt Gottes Liebe nach Kirschlollis.

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