Die Morgenandacht Luther und der Schwan

Jeannette Querfurth
Jeannette Querfurth

Die Morgenandacht Luther und der Schwan

Wie kommt es, dass in Ostfriesland viele Kirchen keinen Wetterhahn, sondern einen Wetter-Schwan auf der Turmspitze haben? Pastorin Jeannette Querfurth erzählt von Martin Luther und seinem Symboltier.

Bild: Bremische Evangelische Kirche

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40 – 50 wilde Schwäne. Mal mehr mal weniger. Alte und junge, viele schneeweiß und ein paar noch ziemlich grau. Ein wunderschöner Anblick, der sich zur Zeit morgens gleich hinter der Bremer Landesgrenze bei Sudweyhe (Kreis Diepholz) bietet. An jedem Wintermorgen sammeln sie sich hier, auf einem riesigen feuchten Acker am Weserdeich. Düngepflanzen wachsen auf dem Feld, die bald untergepflügt werden – aber noch schmecken sie den Schwänen. Wenn ich dort vorbei fahre, bin ich jedes Mal aufs Neue fasziniert von ihrer Schönheit und Grazie. Es fällt mir schwer, den Blick von ihnen abzuwenden und weiterzufahren. Schwäne sind etwas Besonderes.

Diese großen weißen Wasservögel symbolisieren ganz unterschiedliche Eigenschaften. Vielleicht haben Sie schon einmal live oder auf einem Foto gesehen, wie ein Schwan auf dem Wasser seine Küken auf dem Rücken trägt. Er hält sie geborgen und gondelt sie wie eine gemütliche Federkissen-Fähre von A nach B. Aber Schwäne können auch sehr ungemütlich werden, wenn sie sich oder ihre Küken bedroht sehen. Dann sollte man ihnen besser aus dem Weg gehen. Wer etwas weiter weg als in Sudweyhe in Norddeutschland unterwegs ist und Richtung Wangerooge übersetzen will, kommt nach Carolinensiel (Kreis Wittmund).
Da begegnet man einem ganz anderen Schwan, denn der Kirchturm dort hat, wie 80 andere Kirchen in Ostfriesland und manche in den Niederlanden, keinen Wetterhahn auf der Spitze, sondern einen Wetter-Schwan.

Denn der Schwan ist das Symboltier Martin Luthers – und viele lutherische Gemeinden in Ostfriesland tragen darum den Schwan auf dem Turm.
Die reformierten Gemeinden haben den Hahn. So kann man schon von weitem sehen, welche Ausrichtung die Gemeinde hat. Luther und der Schwan, eine etwas seltsame Kombination. Sie hängt mit einer alten Legende zusammen, die auf Luther bezogen wurde. Luther gefiel das Bild und er hat es darum selbst den Schwan als sein Symboltier angenommen. Er schrieb: "Die Kirche gleicht darin dem Schwan, dass sie wie er breitfüßig ist, das heißt, auf einer festen Grundlage ruht, die nicht einmal von den Pforten der Hölle zerstört werden kann. Sie lebt außerdem wie er an Seen und Sümpfen, das heißt, sie trachtet nicht nach Weltherrschaft noch nach dem Zugang zu stolzen Königen, sondern hat ohne Aufhören harte Schicksalsschläge zu erdulden."

Dieses Symbolbild gefällt mir: Eine Kirche, die sich nicht von weltlichen Mächten vereinnahmen und korrumpieren lässt – und die sich andererseits nicht in Selbstgefälligkeit in ihre schönen Häuser zurückzieht, sondern dahin geht, wo es kalt und sumpfig ist. Eine Kirche, die – wie der Schwan mit seinen Küken – aus ihrem Geist heraus Geborgenheit verströmen kann, aber sich auflehnt, wo es nötig ist, wo sie selbst oder andere bedroht werden. Mir schwant jetzt, sie werden vielleicht auch kurz an Martin Luther denken, wenn Sie das nächste Mal einen Schwan auf dem Kirchturm, auf dem Wasser – oder in Sudweyhe am Weserdeich sehen.

Autor/Autorin

  • Jeannette Querfurth

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