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Die Nacht

Im Porträt Ex-Wirecard-Manager Jörn Leogrande über die Zeit beim Skandal-Konzern

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Jörn Leogrande vor einem Gebäude der Firma Wirecard
15 Jahre war Jörn Leogrande bei Wirecard beschäftigt, bis die Firma 2020 fast über Nacht pleite ging. Bild: Randomhouse | Thomas Dashuber

Jörn Leogrande war Innovationschef beim Digitalunternehmen Wirecard, das jahrelang Politik, Börse und Öffentlichkeit mit gefälschten Bilanzen täuschte. Als der Skandal im Sommer 2020 publik wurde, verlor Leogrande seinen Job. Heute fragt er sich, warum er nicht auf die Zweifel gehört hat, die er schon früher gespürt hatte.

Gesprächszeit "Die Wirecard-Pleite war schon eine traumatische Erfahrung" – Jörn Leogrande

Jörn Leogrande war Innovationschef bei Wirecard. Als der Skandal um die Bilanzfälschungen im Sommer 2020 publik wurde, verlor er quasi über Nacht seinen Job.

Jörn Leogrande vor einem Gebäude der Firma Wirecard
Jörn Leogrande Bild: Randomhouse | Thomas Dashuber
Bild: Randomhouse | Thomas Dashuber

Sein erstes Erweckungserlebnis in Sachen Geld hat Jörn Leogrande als Junge. Sein Vater, der als Metallurge arbeitet, zeigt Jörn eines Tages ein blinkendes Fünf-Mark-Stück. "Dabei hat er mir erklärt, dass er die Metallmischung für diese Münze gemacht hat. Da war mein Gedanke: 'Wow, das ist ja etwas richtig Konkretes!'" Bis heute hat Leogrande diesen Moment nicht vergessen. Technik zum Vorteil der Menschen nutzen – so einen Beruf wollte er später auch ergreifen: "Und so können Sie es dann schicksalshafte Fügung nennen, dass ich viele Jahre später zu einem Bezahlunternehmen gegangen bin, das sich um die Digitalisierung von Bargeld gekümmert – und diesen Bargeldstücken im Grunde den Kampf angesagt hat."

Vor einer Sekunde war ich noch der strahlende Innovationschef eines DAX-Unternehmens und eine Woche später ist das Unternehmen pleite.

Jörn Leogrande über die Wirecard-Pleite

Mit dem "Digitalunternehmen" ist Wirecard gemeint. Der DAX-Konzern, der eine spektakuläre Pleite hingelegt und damit einen der größten Börsenskandale der vergangenen Jahrzehnte produziert hat. Dabei hat das "Wunderkind" aus Aschheim bei München ambitionierte Ziele. Es soll die deutsche Antwort auf Tech-Giganten wie Amazon, Apple oder Google sein. Und viele Jahre scheint das sogar möglich – bis der Traum im Sommer 2020 zerplatzt. Denn da stellt sich heraus: Firmengelder in Milliardenhöhe, die angeblich auf philippinischen Konten geparkt sind, haben wohl nie existiert. Auch sonst hat das Top-Management die Bilanzen des Konzerns über viele Jahre offenbar kräftig frisiert. Als der Skandal publik wird, ergeht es Leogrande wie rund tausend anderen Wirecard-Mitarbeitern, er verliert quasi über Nacht seinen Job: "Vergangenen Sommer war das schon eine traumatische Erfahrung, denn diese Entwicklung spielte sich ja innerhalb weniger Tage ab. Vor einer Sekunde war ich noch der strahlende Innovationschef eines DAX-Unternehmens und eine Woche später ist das Unternehmen pleite. Diesen Schock zu überwinden, das war schon hart."

Natürlich überkamen auch mich immer wieder Zweifel.

Jörn Leogrande über rasante Umsatz- und Gewinnsteigerungen bei Wirecard

In seinem Buch "Bad Company – meine denkwürdige Karriere bei der Wirecard AG" gibt Leogrande ebenso spannende wie unterhaltsame Einblicke in Deutschlands – in jeder Hinsicht – spektakulärsten DAX-Konzern. Schicht um Schicht enthüllt sich darin die Geschichte eines gigantischen Kriminalfalls, dessen Aufklärung gerade erst begonnen hat. Die zentrale Frage: Wie konnte es der Unternehmensführung über so viele Jahre gelingen, Politik, Börse und Öffentlichkeit zu täuschen? Berichte, dass in den Konzernbilanzen nicht alles mit rechten Dingen zugeht, gab es immerhin seit vielen Jahren. "Natürlich überkamen auch mich immer wieder Zweifel, denn dass Konzernumsatz und Gewinn jedes Jahr um 30 Prozent steigen, sogar in Krisenzeiten, das war schon sehr ungewöhnlich", gesteht Leogrande. "Andererseits war die Berichterstattung über Wirecard in vielen Medien über den gesamten Zeitraum ausgesprochen positiv – so dass das schon ein zweischneidiges Schwert war. Letztlich ärgere ich mich aber, im Gegensatz zu meiner Frau nicht mehr auf mein Bauchgefühl gehört zu haben. Die ist mit meinem Arbeitgeber nie so richtig warm geworden."

Um diese Exzesse zwei Wochen lang durchstehen zu können, hat er sich Vitamine und andere Präparate gespritzt.

Jörn Leogrande über die Party-Ausschweifungen von Wirecard-Vorstandsmitglied Jan Marsalek

Im Rückblick bedauert Leogrande, dass er seine Familie der Karriere wegen vernachlässigt hat. Vor allem die beiden Top-Manager Markus Braun (ehemaliger Vorstandschef, derzeit in Untersuchungshaft) und Jan Marsalek (untergetaucht) seien sehr fordernd gewesen. So erinnert sich Leogrande noch an einen Anruf, den er eines Sonntags erhält, als er mit seiner Frau und den beiden Söhnen auf einer Bergwanderung ist: "Da war plötzlich Markus Braun in der Leitung, um mit mir über seine "Konzernvision 2025" zu sprechen. Als ich ihn darauf hinwies, dass ich gerade mit meiner Familie unterwegs bin, meinte er nur: 'Prima, dann haben wir ja Zeit zum Reden'!"

Markus Braun und Jan Marsalek gelten als Drahtzieher im Kriminalfall Wirecard. Beiden hat Jörn Leogrande zugearbeitet. Marsalek hat sich kurz vor der spektakulären Pleite abgesetzt – nach ihm wird weltweit gefahndet. Im Gegensatz zu Markus Braun, den Leogrande vor allem als "nüchtern-analytischen Menschen mit fast autistischen Zügen" beschreibt, sei Marsalek stets charmant und eloquent gewesen. Berühmt-berüchtigt sind vor allem seine ausschweifenden Oktoberfest-Partys: "Das war das alljährliche Highlight für Jan, wenn er seine Maßanzüge gegen die Lederhose eintauschen konnte. Im VIP-Zelt trank er mit Geschäftspartnern dann Champagner aus Maßkrügen. Um diese Exzesse zwei Wochen lang durchstehen zu können, hat er sich Vitamine und andere Präparate gespritzt."

Eine Leben nach Wirecard

Ein Luxusleben, von dem auch Leogrande damals träumt. Doch ganz bis nach oben in den Vorstand schafft er es nicht – worüber er im Rückblick froh ist. Einen Job bei einem Berliner Unternehmen aus der Finanztechnologie-Branche kündigt er nach wenigen Monaten. Er merkt schnell, dass er noch mehr Abstand braucht. Und dass er sich mehr Zeit für seine Frau und seine beiden Söhne nehmen will, die inzwischen im Teenager-Alter sind. Auf eine bessere Work-Life-Balance zu achten – das ist nur eine der Lehren, die Jörn Leogrande aus 15 Jahren bei Wirecard gezogen hat.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 4. März 2021, 18:05 Uhr