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Gesprächszeit mit Christine Gorny

Im Porträt ARD-Korrespondent Steffen Wurzel: Wir sind viel chinesischer geworden

Bremen Zwei Veranstaltung der Reihe Frühlingsgäste. Zu Gast: Steffen Wurzel
Zurück aus Shanghai: ARD-Korrespondent Steffen Wurzel. Bild: Frank Jakobs

Sechs Jahre lang war ARD-Hörfunkjournalist Steffen Wurzel in der Megacity Shanghai zu Hause. Er hat die chinesische Metropole auf dem Rennrad erkundet und sich tollkühn durch den Straßenverkehr geschlagen. Als der Wahrheit verpflichteter Journalist in einer Diktatur, musste er sich von den Behörden so sehr gängeln lassen, dass er nachts manchmal davon träumt. "Egal, China ist trotzdem ein tolles Land mit tollen Menschen", sagt Steffen Wurzel, der Anfang des Jahres nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Porträt von Steffen Wurzel (SWR)

Frühlingsgäste "Ständig ist überall was los" – Steffen Wurzel

Aus Shanghai ist ARD-Hörfunkjournalist Steffen Wurzel Anfang des Jahres nach Deutschland zurückgekehrt - mit einer Menge Eindrücke im Gepäck.

Bild: Johannes Eisele

Ecke Wu Lu Mu Qi Nan Lu, An Fu Lu: Dort sollte man einmal vorbeischauen, wenn man mit dem Rad in Shanghai unterwegs ist, empfiehlt Steffen Wurzel. Er kennt sich aus, denn genau in der Gegend hat er selbst sechs Jahre lang gewohnt, während er für die ARD als Hörfunk-Korrespondent in China tätig war. "Die Ecke lohnt sich, weil es dort viele kleine nette Boutiquen gibt, viele Cafés, wo es nach wie vor die berühmten chinesischen Frühstückspfannkuchen gibt, die morgens zubereitet werden. Wo alles dampft und alles nach Koriander riecht, wo man aber trotzdem auch einen Kaffee bekommen kann", sagt der Journalist.

Diktatur verfolgt ihn im Traum

In einer launigen Runde im gut gefüllten Theater Laboratorium in Oldenburg spricht Steffen Wurzel über seine Erlebnisse mit der kommunistischen Diktatur in China: Welche Sorgen er sich um seine Freunde macht, die unter Shanghais hartem Corona-Lockdown leiden. Wie er als Journalist von den Behörden gegängelt wurde, indem sie ihn stundenlang bei Passkontrollen warten ließen. Wie er auf einer Recherchereise in die uigurische Region Xinjiang von unbekannten Männern im Auto verfolgt wurde. Wie sie ihm klar zu verstehen gaben, dass er sein Mikro hier besser niemandem unter die Nase hält.

Bremen Zwei Veranstaltung der Reihe Frühlingsgäste. Zu Gast: Steffen Wurzel
Steffen Wurzel unterhielt das Publikum mit seinen Erlebnissen aus China. Bild: Frank Jakobs

Egal, ob er gerade im Dienst war oder privat auf Urlaubsreise China erkunden wollte: Der Staat hatte immer ein auffällig-unauffälliges Auge auf ihn, sagt er. Wurzel träumt jetzt manchmal davon, verfolgt zu werden. Dass die Menschen sich gegen eine so brutale Diktatur nicht wehren können und große Angst haben, überhaupt etwas Kritisches zu sage, kann er gut verstehen. Denn das könne auch schnell dazu führen, dass man im Gefängnis lande oder seinen Job verliere, so Wurzel.

Zur Schau gestellter Reichtum mit ganz viel Bescheidenheit kombiniert: Das hat mich jedes Mal wieder fasziniert.

Steffen Wurzel über Begegnungen in einem Suppenladen

Typisch für China findet er die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen": Während viele Menschen unterdrückt werden, können andere die Freuden des Lebens genießen. Dazu gehört in China auf jeden Fall das gute Essen mit regional sehr unterschiedlichen Spezialitäten. "In den meisten Fällen mit ähnlichen Zutaten wie bei uns, nur anders zubereitet", sagt Steffen Wurzel. Genussvoll berichtet er, wie er in einem kleinen Laden an der Ecke eine Suppe für umgerechnet einen Euro geschlürft habe. Eine offenbar sehr gute Suppe, die sich sogar die High Society nicht entgehen ließ. "Da kommen zwei junge 18-jährige Jungs mit einem 300.000 Euro teuren Rolls Royce vorgefahren und kaufen sich eine billige Suppe in diesem räudigen Nudelsuppenladen, das hat mich schon geflasht. Der große zur Schau gestellte Reichtum auf der einen Seite und trotzdem eine gewisse Bescheidenheit", erinnert sich Wurzel.

Klischee hin oder her, er hat auch wirklich skurrile Rezepte auf den Speisekarten Chinas gefunden: "Eine Besonderheit in Szechuan ist Tuto. Das ist ein abgetrennter Hasenkopf, der in ganz scharfer Soße gekocht wird. Das ist nicht so meins",gesetht der Radioreporter.

Brutale Unterdrückung und Spionage

Steffen Wurzel erzählt vom vielspurigen Verkehr und wie man trotzdem ganz gut Radfahren kann in Shanghai. Vom Leben dicht an dicht, vom Bauboom, der unvermindert anhält, weil neue Gebäude oft schon nach fünf Jahren wieder abgerissen werden. Er erklärt, wie China brutale Unterdrückung effizient mit kapitalistischer Marktwirtschaft verbindet. Er ordnet ein, wie dynamisch die Entwicklungen in China sind, und gesteht, dass er es befreiend findet, wieder zurück in einem Land zu sein, dass ihn nicht ständig überwacht und ausspioniert: "Da fällt mir jedes Mal ein Stein vom Herzen, dass ich weiß, ich kann mein iPad zu Hause lassen. Ich muss es nicht immer unterm Arm am Mann dran haben, damit es nicht vom Geheimdienst angestöpselt wird."

Man kann den Wurzel aus China rauskriegen, aber China kriegt man nicht raus aus Steffen Wurzel. Das fühle ich jeden Tag.

Steffen Wurzel über seine Zeit als ARD-Korrespondent in Shanghai

Steffen Wurzel erzählt die Geschichten, die er erlebt hat, unaufgeregt, aber sehr unterhaltsam. Die Menschen im Foyer des Oldenburger Theater Laboratoriums hören ihm gebannt zu. Zurück aus Shanghai, will Steffen Wurzel jetzt erstmal weniger arbeiten. Er wird die Zeit in Deutschland genießen und viel reisen, sagt er. Mit China bleibt er eng verbunden, auch wegen der vielen Freundschaften, die er in seinen Jahren als ARD- Korrespondent geknüpft hat. "Es gibt den Spruch: 'Man kann den Wurzel aus China rauskriegen, aber China kriegt man nicht raus aus Steffen Wurzel.' Das fühle ich jeden Tag."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 6. Mai 2022, 18:05 Uhr.