Im Porträt Warum Yared Dibaba nicht Bremer Kaffeehändler wurde

Autorinnen und Autoren

Moderator und Autor Yared Dibaba
Liebt alle seine Jobs, weil er damit so viele Ventile hat: Multitalent Yared Dibaba. Bild: Anika Fußwinkel

Die wichtigsten Stationen seines Lebens hat er in Bremen erlebt, sagt Moderator, Schauspieler und Entertainer Yared Dibaba. Aufgewachsen im Oldenburger Land hat er hier eine Ausbildung im Rohkaffee-Handel gemacht. Bekannt wurde er vor allem mit seinem plattdeutschen Klönschnack im NDR Fernsehen. Aktuell ist er Host der Podcasts "Ohjaaa! – Sex lieben" und "Dibaba hat Besuch" und steht auch als Musiker auf der Bühne.

Moderator und Autor Yared Dibaba

Gesprächszeit Wenn ich Plattdeutsch höre, geht großes Kopfkino los – Yared Dibaba

Yared Dibaba wurde mit seinem plattdeutschen Klönschnack im NDR Fernsehen bekannt. Aktuell ist der Moderator auch Podcast-Host und als Musiker unterwegs.

Bild: Anika Fußwinkel

"Kaffee ist eine Droge für mich", gesteht Yared Dibaba. Beim Duft von frischgerösteten und gemahlenen Kaffeebohnen wird er schwach, auch wenn er kein "Kaffee-Klookschieter" ist, wie er sagt. Bei Gollücke & Rothfos an der Bremer Schlachte hat Dibaba die Grundlagen des Kaffeehandels gelernt und ist seither Bremen eng verbunden geblieben.

Mein Bruder und ich waren weit und breit die einzigen Schwarzen.

Yared Dibaba über seine Kindheit in Falkenburg

Geboren ist Yared Dibaba 1969 in Äthiopien. Seine Familie floh 1979 vor dem Bürgerkrieg zunächst nach Nairobi in Kenia und nach einem halben Jahr weiter nach Deutschland. "Wenn ich so zurückgucke, haben wir einiges mitgemacht als Kinder", so Dibaba. Aus der pulsierenden Millionenstadt Nairobi landete er im 700-Einwohner-Örtchen Falkenburg im Oldenburger Land, wo nun Schützen- und Fußballverein, Kinderchor und Kirchengruppe sein Leben bestimmten. Eine herausfordernde Zeit für den Jungen, der gerade zum Teenager wurde und sich fragte, wer er gerade ist und zu wem er wird. "Mein Bruder und ich waren weit und breit die einzigen Schwarzen. Wir sind aufgefallen. Das ist irgendwie doof in dem Alter. Du willst genauso sein wie die anderen."

Flucht in die Sicherheit

Doch die Flucht und der neue Lebensort boten auch Sicherheit. Weil sein Vater zuvor schon für den Lutherischen Weltbund gearbeitet hatte, bekam er direkt einen Job im Lutherstift Falkenburg, einer evangelischen Bildungsstätte für Erwachsene. "Wenn ich gucke, wie andere Menschen aus Äthiopien aufgrund des Bürgerkriegs vertrieben werden, zu Fuß durch die Wüste gehen, mit Booten durchs Mittelmeer hierherkommen, geliebte Menschen unterwegs verlieren, dann ist das überhaupt nicht zu vergleichen", so Dibaba. "Wir haben ganz großes Glück gehabt. Und das weiß ich auch sehr zu schätzen."

Da wurde etwas angezündet in mir, was ich schon längst woanders hingepackt hatte.

Yared Dibaba, über die Zusage nach seiner spontanen Schauspielschul-Bewerbung

Nachdem er "was Anständiges" gelernt hatte und erfolgreich als Kaffeehändler ins Berufsleben gestartet war, motivierte ein Kumpel den schon 24-jährigen Yared Dibaba zu einer Bewerbung für ein Schauspielstudium. Prompt bekam er eine Zusage. "Da wurde etwas angezündet in mir, was ich schon längst woanders hingepackt hatte", erinnert sich der heute 53-Jährige. Er musste eine Entscheidung treffen: Die Kaffee-Karriere an den Nagel hängen? "Ich hatte einen riesen Bammel davor, vor allem vor meinem Vater."

Seite an Seite mit Heidi Kabel

Doch wider Erwarten stärkte seine Familie ihm den Rücken und bis 1996 studierte Yared Dibaba Schauspiel im Bremer Kulturzentrum Schlachthof. Seine erste große Rolle hatte er direkt an der Seite von Heidi Kabel am Ohnsorg Theater. Mit einer Musikgruppe war er zuvor im Theater gewesen und hatte einfach den Regisseur bei den Proben angesprochen: "Segg mol, wenn du wen söchst, de platt snackt oder so wat, denn kannst Bescheed seggen, hier is mien Telefoonnummer." 

Wenn ich Plattdeutsch höre, ist das der Kompass. Dann geht ein großes Kopfkino für mich los.

Yared Dibaba über die Sprache des Nordens

Das Plattschnacken hat Dibaba in Falkenburg auf den Dorf gelernt. Die Sprache fließt wie seine zweite Muttersprache über die Lippen. "Sprache ist ja auch Heimat. Und in meiner Heimat, in Oromia in Äthiopien, durften wir meine Sprache nicht sprechen", erzählt er aus seiner Kindheit. Das Plattdeutsche wurde schließlich zu einem Teil seiner Identität. Beim NDR öffnete ihm das die Tür als Moderator, wo er zahlreiche Formate moderiert hat, unter anderem "De Welt Op Platt" oder zuletzt "Yared kommt rum". "Wenn ich Plattdeutsch höre, dann weiß ich, das ist sozusagen der Kompass. Dann weiß ich, das ist für mich der Norden. Dann geht ein großes Kopfkino für mich los."

Sänger, Schirmherr, Speaker

Ob er schauspielt, singt oder moderiert: Yared Dibaba liebt alles, was er macht. Darüber hinaus ist er Schirmherr der Gesellschaft für bedrohte Völker, die sich für Menschen in Not und die Einhaltung von Menschenrechten einsetzt. Dass er selbst einmal geflohen ist, spielt bei seinem Engagement eine große Rolle: "Ich sehe es als meine Pflicht an, darauf aufmerksam zu machen, dass es viel zu viele Regionen gibt, wo die Menschenrechte nicht geachtet werden", sagt er. Auch seine Erfahrungen mit rassistischen Beleidigungen und Bedrohungen, die er erfahren musste, gibt er weiter. Als Speaker auf Veranstaltungen will er anderen Lust auf Vielfalt machen.

Wenn ich in ein Dorf komme, ich fahre sofort runter.

Yared Dibaba über den Charme des Landlebens

"Je öller, je doller" – wenn er diesen Spruch hört, lächelt er und sagt: "Dat find ick goot". Mit Anfang 50 freut er sich über sein Leben. Der Vater von zwei Söhnen lebt heute in Hamburg, mag aber noch immer das Dorfleben. "Das Dorfleben hat eine angenehme Geschwindigkeit. Da herrscht ein ganz anderes Tempo in der Stadt. Und das merkt man auch. Wenn ich in ein Dorf komme, ich fahre sofort runter."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 15. Dezember 2022, 18:05 Uhr

Bremen Zwei Livestream & aktuelle Sendung.

Die Nacht

Die Nacht
Die Nacht
  • Die Nacht