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Der Sonntagnachmittag mit Kristin Hunfeld

Im Porträt Aus dem Schulsystem aussteigen? Diese Ex-Lehrerin weiß, wie es geht.

Autorinnen und Autoren

Porträt von Isabell Probst
Weiß wo es im Schulsystem hakt - und wie man auch ohne Verbeamtung glücklich wird: Isabell Probst Bild: Ingo Kaiser

Isabell Probst war Gymnasiallehrerin in Bonn. Doch sie hat früh gemerkt: "Alt werde ich in diesem Job nicht." Fünf Jahre nach ihrer Verbeamtung zog sie die Reißleine und schrieb ihre Kündigung. Heute ist sie Laufbahn-Coach und hilft anderen Lehrkräften, neue Tätigkeitsfelder außerhalb des staatlichen Schulsystems zu finden.

Porträt von Isabell Probst

Gesprächszeit "Lehrkräfte erweisen sich als Projektplanungsgenies" – Isabell Probst

Isabell Probst war Gymnasiallehrerin in Bonn – und unglücklich. Fünf Jahre nach ihrer Verbeamtung zog sie die Reißleine und schrieb ihre Kündigung.

Bild: Ingo Kaiser

Isabell Probst hat Geschichte und Englisch auf Lehramt studiert. Ihr Referendariat war dann voller "Aha-Momente", erzählt sie, und sie wurde sich ihrer pädagogischen Verantwortung bewusst. Sie stellte fest, dass sie über ihre Schülerinnen und Schüler viel zu wenig weiß und dass sie gar keine Zeit dazu hatte, sich mit deren Lebensgeschichten zu beschäftigen. Denn sie musste viel zu viele Kinder durch den Großbetrieb Gymnasium "durchwinken".

Man hört natürlich von allen Seiten: "Zieh durch!"

Isabell Probst über ihr Referendariat

Personal- und Ressourcenmangel an Schulen: Isabell Probst fühlte sich hilflos und verheizt. Mit dem Wissen von heute hätte sie vermutlich viel früher Konsequenzen gezogen, sagt sie, vielleicht sogar das Referendariat abgebrochen: "Aber wenn man einmal in diesem Zug sitzt als werdende Lehrkraft, dann hört man natürlich von allen Seiten: 'Zieh durch! Mach‘s zuende! Das wird alles besser.'" Doch nach fünf Jahren als Lehrerin stand ihr Entschluss fest, sie stieg aus dem Schulsystem aus. Heute empfindet sie ihre Entscheidung als mutig: "Ich habe da wirklich zu mir gestanden, zu mir und meinen Bedürfnissen. Ich habe die Konsequenz gezogen, und ich lebe jetzt gemäß meiner Werte."

Ernüchternde Erkenntnis: Lehrkräfte sind Manövriermasse

Lehrerinnen und Lehrer leisten viel und nicht alle halten bis zum Ende ihres Berufslebens durch. Burnout und Frühpensionierung gehören zum Berufsbild der Lehrkraft dazu. Trotzdem glauben viele an ein System, von dem man nicht Abschied nehmen will. Wenn jemand wie Isabell Probst ausbricht, erregt das Aufsehen. Denn eine neutrale Anlaufstelle für berufliche Fragen, Umorientierung und Weiterbildung gibt es nicht. Auskünfte über Versetzungsmöglichkeiten oder Ausstieg werden nur sehr bürokratisch von Behörden mitgeteilt. "Es geht darum, Lehrkräfte als Manövriermasse in die Lücken zu stopfen. Und wie es der Person dabei geht und ob sie das langfristig so ausfüllen kann, das ist sekundär. Und das ist oft sehr, sehr ernüchternd", so Probst.

Es geht um Beziehungen und Werte – und das geht vielen Pädagoginnen und Pädagogen heute im Schulsystem verloren.

Isabell Probst über die Entfremdung von Lehrkräften vom Schulsystem
Porträt von Isabell Probst
Aufsicht auf dem Schulhof? Das war einmal für Isabell Probst. Heute ist ist sie als Laufbahncoach selbständig. Bild: Isabell Probst

Isabell Probst hat 2015 ihre Entlassung aus dem Beamtenverhältnis beantragt, seit 2014 hat sie über ihren Weg dahin gebloggt. Andere zweifelnde Lehrkräfte fanden ihr Blog im Internet und Isabell Probst wurde zu einer Art "Kummerkastentante". Heute begleitet sie als ausgebildeter Coach mit einem sechsköpfigen Team andere potentielle Aussteiger aus dem Schulsystem. "Das sind in der Regel Menschen, denen Sicherheit und gute Bezahlung im Job nicht alles bedeutet. Insbesondere im pädagogischen Feld geht es um Menschen, um Zwischenmenschliches, um Beziehungen, um Werte – und das geht vielen Pädagoginnen und Pädagogen heute im Schulsystem verloren."

Lehrkräfte sind als Projektmanagerinnen gefragt

Isabell Probst hilft ihnen dabei, andere Tätigkeitsfelder zu entdecken, berät bei der Karriereplanung und hilft bei Bewerbungen. Ex-Lehrkräfte finden inzwischen immer häufiger Arbeit in der freien Wirtschaft, erzählt sie, denn viele Arbeitgeber schätzten die zwischenmenschlichen Skills und das breite interdisziplinäre Wissen. Oft werden sie im Consulting, in der firmeninternen Schulung oder in der Projektplanung eingesetzt. "Lehrkräfte erweisen sich als Projektplanungsgenies in der freien Wirtschaft".

Podcast "Life after Lehramt"

Der Coaching-Prozess selbst sei für ihre Kundinnen und Kunden sehr herausfordernd, sagt Probst. Der Ausstieg aus dem Beruf bahne sich oft über einen längeren Zeitraum und sei häufig von Enttäuschung und Trauer geprägt. Leider fehle es massiv an Weiterbildungsmöglichkeiten. "Einmal Lehrer, immer Lehrer" – diesen Spruch sollte es nicht mehr geben, findet sie. Außerdem fordert sie, an Schulen mehr auf multiprofessionelle Teams zu setzen. So könnten Lehrkräfte durch pädagogische Mitarbeiter in Klassenräumen entlastet werden. Bis dahin zeigt Isabell Probst auch in ihrem Podcast "Life after Lehramt" Alternativen zu Kreidestaub und Tafel auf.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 25. August 2022, 18:05 Uhr