Frauengeschichte(n) aus unserer Region Anni Leuwer aka Frau Lila: Zahnärztin im 19. Jahrhundert

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Ein altes Bild der Bremerin Anni Leuwer aus dem 19. Jahrhundert
Johanna Rosa Neumark hatte als erste Frau in Bremen eine Zahnarztpraxis. Bild: Staatsarchiv Bremen, Nils Aschenbeck

Johanna Rosa Neumark – von ihren Freunden nur „Anni“ genannt – ist eine Bremer Deern: 1871 kommt sie in der Hansestadt zur Welt, als Tochter einer jüdischen Maler- und Architektenfamilie. Schon früh lässt sie sich zur Zahnärztin ausbilden – für eine Frau in dieser Zeit etwas Außergewöhnliches.

Ein altes Bild der Bremerin Anni Leuwer sitzend auf einer Parkbank aus dem 19. Jahrhundert

Anni Leuwer aka Frau Lila: Zahnärztin im 19. Jahrhundert

1871 kommt Johanna Rosa Neumark zur Welt. Für diese Zeit ungewöhnlich, lässt sie sich zur Zahnärztin aubilden und wird später Buchhändlerin.

Bild: Staatsarchiv Bremen, Nils Aschenbeck

Mit 22 Jahren heiratet Anni den Kaufmann Hermann Mengers und zieht mit ihm nach Berlin. Sie bringt eine Tochter zur Welt – die Ehe hält jedoch nicht lange. Anni lässt sich scheiden und geht zurück nach Bremen. Dort eröffnet sie in der Innenstadt ihre eigene Praxis – als erste niedergelassene Zahnärztin der Stadt, erzählt der Journalist und Kulturwissenschaftler Dr. Nils Aschenbeck: "Und in Bremen am Wall arbeitet damals auch Franz Leuwer, der – so wird es kolportiert – sich Zahnschmerzen ausgedacht hat, um sich von Johanna Rosa Neumark behandeln zu lassen."

Franz Leuwer, der in der Obernstraße eine Buchhandlung hat, gewinnt Annis Herz. 1910 heiraten die beiden und fortan ist die Bremerin nicht nur Zahnärztin, sondern führt auch gemeinsam mit ihrem Mann die Buchhandlung Leuwer. Die wächst zu einem großen Geschäft an, mit vielen Filialen – sogar auf den ostfriesischen Inseln und an Bord von Passagierdampfern des Norddeutschen Lloyd.

Buchhandlung wird zum kulturellen Treffpunkt

Zum Haupthaus in der Obernstraße 14 gehören außerdem ein eigener Verlag und ein Kunstsalon, der es zu einem kulturellen Treffpunkt in Bremen macht, erklärt Nils Aschenbeck: "Zahlreiche Vorträge, Ausstellungen und Veranstaltungen fanden bei Leuwer statt." Künstler wie der Dichter Rudolf Alexander Schröder oder der Komponist Richard Strauss gehen hier ein und aus. "Mit der Buchhandlung und mit diesen vielen Kontakten in die Kunstszene waren Anni und Franz Leuwer eine ganz wichtige Institution im Bremer bürgerlichen Leben.

Sie hatte übrigens auch einen Spitznamen in Bremen – sie wurde Frau Lila genannt, weil sie ihre Haare immer lila färbte.

Dr. Nils Aschenbeck, Journalist und Kulturwissenschaftler

Anni ist in der Stadt eine bekannte und geschätzte Frau - die mit ihrer selbstbestimmten Art hervorsticht. "Sie hatte übrigens auch einen Spitznamen in Bremen – sie wurde Frau Lila genannt, weil sie ihre Haare immer lila färbte", erzählt Nils Aschenbeck.

Im April 1916 stirbt plötzlich ihr Mann Franz mit nur 41 Jahren. Anni ist mit drei Kindern allein. Aber sie beschließt, die Buchhandlung zu behalten und beauftragt einen Prokuristen mit der Geschäftsführung. Die soll eigentlich später an ihren Sohn Frank übergehen.

Antisemitismus und das drohende Aus der Buchhandlung

Doch dazu kommt es nicht: Antisemitismus wird auch in Bremen immer stärker spürbar. Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, drängt wenig später der Norddeutsche Lloyd auf die sogenannte „Arisierung“ der Buchhandlung Leuwer: Weil seine Bordbuchhandlungen in den Händen einer jüdischen Eigentümerin sind, sieht er das Ansehen der Reederei in Gefahr. Die Buchhandlung Leuwer wird daraufhin auf den Geschäftsführer überschrieben, Anni Leuwer ist nur stille Teilhaberin. Ihr Sohn Franz, der bereits eine Ausbildung zum Buchhändler begonnen hat, ist gezwungen, sie zu beenden.

Auswandern ist für Anni Leuwer keine Option

Kurze Zeit später, so Aschenbeck, wurde ihm von Freunden aus dem Bremer Bürgertum geraten, dass er das Land verlassen solle, wie auch seine Schwester – sie haben das Land verlassen, sind beide nach London gegangen. Annis ältere Tochter Ilse geht nach Palästina.

Aber Anni Leuwer hat gesagt: Einen alten Baum verpflanzt man nicht, ich bleibe in Bremen, mir wird man schon nichts antun.

Dr. Nils Aschenbeck über eine mögliche Flucht
Ein altes Bild der Bremerin Anni Leuwer sitzend auf einer Parkbank aus dem 19. Jahrhundert
Anni wollte bis zum bitteren Ende in Bremen bleiben. Bild: Staatsarchiv Bremen, Nils Aschenbeck

Anni selbst kann sich nicht dazu durchringen, auszuwandern – obwohl ihre Kinder sie immer wieder beknien. "Aber Anni Leuwer hat gesagt: Einen alten Baum verpflanzt man nicht, ich bleibe in Bremen, mir wird man schon nichts antun.", erzählt Nils Aschenbeck. "Sie hat das vermutlich vor dem Hintergrund gesagt, dass sie so bekannt war im Bremer Bürgertum, dass alle sie schätzten, dass alle sie mochten und sie sich nicht vorstellen konnte, dass man ihr Leid antun würde."

Ein tragischer Irrtum: die Nationalsozialisten zwingen Anni Leuwer, nach und nach ihr Vermögen abzugeben – bis sie 1942 praktisch nichts mehr hat. Im Sommer desselben Jahres wird sie in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort muss die 70-jährige unter unmenschlichen Bedingungen leben und stirbt schließlich an Unterernährung. Achenbeck empfindet es als tragisches Schicksal für die Familie Leuwer, aber auch für Bremen, dass eine dieser wichtigen Frauen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts standen und nur positive Werte verkörperte, ermordet wurde.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 06.05.2023, 13:40 Uhr

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