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Der Samstagmorgen mit Jörn Albrecht

Frauengeschichte(n) aus unserer Region Wie eine Bremerin sich für eine alkoholfreie Kultur einsetzte

Autorin

Porträt von Ottilie Hoffmann
Ottilie Hoffmann unternahm etwas gegen Alkoholmissbrauch in Bremen. Bild: Kulturhaus Walle Brodelpott

Am Bremer Osterdeich steht das Café Ambiente. Vor knapp 100 Jahren wurde das runde Gebäude mit Blick auf die Weser im Auftrag des "Frauenbundes für alkoholfreie Kultur" gebaut. Bis vor rund 40 Jahren wurde in dieser Gaststätte kein Tropfen Alkohol ausgeschenkt. Hinter dem Abstinenz-Konzept steckt die Bremerin Ottilie Hoffmann. Sie war eine Vorkämpferin für soziale Arbeit in Bremen.

Porträt von Ottilie Hoffmann

Milch statt Schnaps: Ottilie Hoffmann und die alkoholfreie Kultur

Hafenarbeiter, die ihren Lohn vertranken, Hunger und Gewalt in den Familien: Ottilie Hoffmann wollte dem vor 100 Jahren nicht länger zuschauen – und setzte ihr Konzept der Abstinenz dagegen.

Bild: Kulturhaus Walle Brodelpott

Bremen Walle, das Hafenviertel Ende des 19. Jahrhunderts: Kräne recken sich in den Himmel, es wird gebaut, die Wirtschaft floriert– Bremen steckt mitten in der Industrialisierung. Doch mit den Gütern aus aller Welt sind auch der Alkohol und der Alkoholmissbrauch nach Bremen gekommen. Den zu bekämpfen, das hatte sich die Bremerin Ottilie Hoffmann auf die Fahnen geschrieben. Denn "die alkoholisierten Arbeiter fielen vom Gerüst beim Aufbau der Industrie-Ausstellung, und dann hat Ottilie gesagt: 'Jetzt bau' ich einen Milchstand auf.' Und hat's dann einfach auch getan," erzählt Cecilie Eckler- von Gleich vom Kulturzentrum Brodelpott in Walle. Dort unterstützt die 69-Jährige das Bildarchiv.

Soziales Thema mit Sprengkraft

Alkoholmissbrauch war ein Thema mit sozialer Sprengkraft: Viele Arbeiter gaben ihren Wochenlohn in der nächsten Kneipe aus. Die Leidtragenden waren ihre Frauen und Kinder. "Dann kam es auch zu Gewalt. Das sind Themen, die wir auch heute noch kennen, die aber damals eine soziale Sprengkraft hatten."

Sie hat einmal gesagt, sie hat nie einem Mann gehört. Sie war immer ledig und hat sich immer eingesetzt für soziale Themen.

Cecilie Eckler- von Gleich über Ottilie Hoffmann.

Ottilie wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater ist ein Bremer Kaufmann. Damals können Frauen noch nicht studieren. Ottilie besucht eine höhere Mädchenschule und wird Lehrerin. Als junge Frau schicken sie ihre Eltern mehrere Male nach England, dort unterrichtet sie an einer Privatschule. Die Jahre in England haben sie besonders geprägt, erzählt Eckler- von Gleich: "Sie hat einmal gesagt, sie hat nie einem Mann gehört. Sie war immer ledig und hat sich immer eingesetzt für soziale Themen. Und diese soziale Frage und die Alkoholfrage waren in England ganz eng verknüpft."

Engagement für Familien

Nach dem Tod der Eltern reist Ottilie ein weiteres Mal nach England. Hier lernt sie die adelige Lady Carlisle kennen und mit ihr die Ideen der Mäßigkeits- und Abstinenzbewegung. Ottilie sieht, wie in England ehemalige Gaststätten zu Lese- und Teestuben werden. 1890 kommt sie nach Bremen zurück und gründet den "Bremer Mäßigkeitsverein" und zehn Jahre später einen Verein nur für Frauen.

Werbung gegen Alkoholmissbrauch und für Säfte (historische Aufnahme)
"Trinkt flüssiges Obst!": Ottilie Hoffmann setzte dem Alkoholmissbrauch gesunde Nahrung und frische Säfte entgegen. Bild: Kulturzentrum Brodelpott Bremen-Walle

Denn Ottilie beobachtet nicht nur Unfälle am Hafen, sondern auch sexuelle Übergriffe in den Familien, wie sie selbst einmal formuliert: "Was stört so oft den häuslichen Frieden, lässt Frau und Kinder zittern in Angst und Not? Wer schützt sie, wenn in der Berauschung das bessere Selbst des Menschen in Banden liegt und alle niederen Leidenschaften ungezügelt hervorbrechen?"

Sie ist dahin gegangen, wo Arbeiter ihren Job gemacht hatten und wo sie Pausen hatten.

Cecilie Eckler- von Gleich über Ottilie Hoffmann.
Arbeiter liegen auf Stockbetten (historische Aufnahme)
Ottilie Hoffmann richtete Ruheräume für die Hafenarbeiter ein. Bild: Kulturzentrum Brodelpott Bremen-Walle

Mit alkoholfreien Gaststätten – es gab neun davon – will sie eine Kultur des Nicht-Trinkens etablieren und den Bremern und Bremerinnen mit wenig Einkommen außerdem eine gesunde Mahlzeit ermöglichen. Nach und nach eröffnet sie an vielen Orten in der Stadt alkoholfreie Gaststätten mit günstigem und gesundem Mittagstisch. "Sie ist dahin gegangen, wo Arbeiter ihren Job gemacht hatten und wo sie auch Pausen hatten. Das zeigt diese starke Verknüpfung zur Sozialarbeit, dass man eben im Hafengebiet alkoholfreie Gaststätten gemacht hat, weil man gesagt hat – da ist es nötig."

Neben dem Mittagstisch lässt sie auch kostenlose Ruheräume einrichten für die Arbeiter am Hafen. Cecilie Eckler- von Gleich zeigt auf ein schwarz-weiß-Foto aus ihrem Archiv. In Stockbetten liegen Männer neben- und übereinander und schlafen, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Und auch den Frauen bietet Ottilie Hoffmann Raum, zum Beispiel ein Stillzimmer für Mütter im Café am Osterdeich. Denn die Frauen sollten nicht alleine zu Hause sitzen, wenn sie Kinder hatten.

Einsatz für Frauen ist bis heute lebendig

Porträt von Anna Clara Fischer
Anna Clara Fischer führte die Arbeit von Ottilie Hoffmann fort. Bild: Kulturhaus Walle Brodelpott

Mit 90 Jahren stirbt Ottilie Hoffmann. Frauen wie Anna Clara Fischer führen ihre Arbeit auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung schließen mehr und mehr Häuser. Ottilie Hoffmanns alkoholfreies Lokal am Osterdeich – das heutige Café Ambiente –tischt im Jahr 1983 ein letztes Mal frische Säfte auf. Doch ihr Einsatz und Engagement für Frauen und Familien in Bremen ist immer noch lebendig: In einem Altbremer Haus in der Herderstraße im Bremer Viertel gibt es noch heute den "Deutschen Frauenbund für alkoholfreie Kultur".

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. Dezember 2021, 13:40 Uhr.