Im Porträt Erinnerungen an Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron

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Schwarz-Weiß Aufnahme der kürzlich verstorbenen Holocaust Überlebenden Inge Deutschkron von 2018 bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Berlin
Lebendig und klar: So haben viele die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron erlebt. Bild: dpa | Wolfgang Kumm

Ihre Jugend und die Jahre als junge Erwachsene waren Inge Deutschkrons dunkelster Lebensabschnitt: Als Jüdin überlebte sie den Holocaust nur, weil sie zwischen 1943 und 1945 in Berlin untertauchte. Im März 2022 ist sie im Alter von 99 Jahren gestorben – am 23. August 2022 wäre Inge Deutschkron 100 Jahre alt geworden. Uns hat sie 2008 das letzte Mal ein Interview gegeben. Zu ihrem Geburtstag haben wir es aus dem Archiv geholt. Ihre Geschichte als Holocaust-Überlebende bleibt wichtig – auch über ihren Tod hinaus.

Schwarz-Weiß Aufnahme der kürzlich verstorbenen Holocaust Überlebenden Inge Deutschkron von 2018 bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Berlin

"Die uns geholfen haben, haben ihren Kopf riskiert" – Inge Deutschkron

Als Jüdin überlebte Inge Deutschkron den Holocaust – untergetaucht in Berlin zwischen 1943 und 1945. Am 23. August 2022 wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Bild: dpa | Wolfgang Kumm

Inge Deutschkron kam 1922 zur Welt und wuchs in einer sehr politischen Familie auf. Sie ging auf eine weltliche Schule, die schon damals Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtete. Ihre Eltern sprachen mit ihr am Küchentisch über alles, was das junge Mädchen bewegte. "Sie haben auch alles erklärt", so Deutschkron. "Warum sie Sozialdemokraten sind, warum sie kämpfen gegen Hitler. Ich hab' wahrscheinlich besser Bescheid gewusst als mancher Deutscher über die Nazis, was sie wollen und was sie tun."

Ich hatte keine Ahnung, was sie da sagte. Religion gab's bei uns nicht.

Inge Deutschkron über den Moment, in dem sie als Zehnjährige erfuhr, dass sie jüdisch ist.

Dass Inge Deutschkron jüdisch war, spielte die ersten zehn Jahre ihres Lebens keine Rolle. Erst als es die ersten Boykott-Aufrufe gegen jüdische Geschäfte gab, offenbarte ihre Mutter ihr, dass sie Juden seien. "Ich hatte keine Ahnung, was sie da sagte. Religion gab's bei uns nicht", erinnerte sich Deutschkron an diesen Moment. Ihre Eltern dachten, dass sich Juden und Deutsche wohl trotz allem arrangieren würden. Doch dann kam 1938 die Reichspogromnacht, die für die Deutschkrons ein Wendepunkt war – so wie für viele andere auch. "An dem Punkt erkannten sie, dass man hier nicht mehr leben kann als Jude. Und selbst mein Vater, der sich sicher war, dass man nicht auswandern muss, merkte, dass es nicht geht".

Der Krieg machte die Auswanderung unmöglich

Inge Deutschkrons Vater verließ 1939 Deutschland in Richtung England und hoffte, die Familie nachholen zu können. Doch der Krieg machte alle Auswanderungspläne zunichte. Gleichzeitig wurden in Berlin die Repressionen gegenüber Juden schärfer. Sie mussten Zwangsarbeit leisten, konnten nicht mehr auf ihre Bankkonten zugreifen und wie viele mussten auch Inge Deutschkron und ihre Mutter in sogenannte "Judenhäuser" ziehen.

1941 begannen die Deportationen und jüdische Gemeinden wurden aufgefordert, Listen zu erstellen. An einem Abend erschien die Gestapo auch in dem Judenhaus der Deutschkrons und fragte nach einer alten Dame, die im selben Haus wohnte. "Binnen zehn Minuten war sie weg", erinnerte sich Deutschkron an diese Szene. "Und von da an wussten wir natürlich, was diese Listen bedeuten."

Die Menschen, die uns geholfen haben, haben ihren Kopf riskiert, damit wir leben können.

Inge Deutschkron über das Leben im Untergrund 1943-1945 in Berlin

Als ihr selbst die Deportation drohte, tauchten Deutschkron und ihre Mutter unter. Für einige Wochen kamen sie beim Wäscherei-Ehepaar Gumz unter. Inge Deutschkron war damals Anfang 20 und ging weiter zur Arbeit in der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Ein Glücksfall, wie Inge Deutschkron zeitlebens betonte: "Er tat alles, um die Nazis zu übertölpeln. Er tat alles, um uns zu helfen." Aber lange an einem Ort konnten die Deutschkrons nicht bleiben. Freunde versteckten Mutter und Tochter immer wieder woanders. Deutschkron erinnert sich: "Die Menschen, die uns geholfen haben, haben ihren Kopf riskiert, damit wir leben können."

Streitbare Journalistin in Bonn

Bis Kriegsende hielt Inge Deutschkron durch. Danach lebte sie eine Weile in England, bis sie nach Deutschland zurückkehrte und sich als Journalistin im Bonn der Nachkriegszeit mit alten Nazis anlegte. Bis 1972 war sie streitbare Korrespondentin der israelischen Zeitung Maariw in der Bundesrepublik. "Ich habe erlebt, wie alte Nazis in hohen Positionen zu mir sagten: 'Ach, Sie müssen doch verzeihen können'", erzählte die gebürtige Berlinerin von dieser Zeit. Enttäuscht zog sie nach Israel. Kurz vor der Wende kam sie nach Berlin zurück, das dann doch spät wieder zu ihrer Heimat wurde.

Es wird nicht verschwinden!

Inge Deutschkron über die Erinnerungen an den Holocaust

Ihre Autobiografie "Ich trug den gelben Stern" erschien 1978 und wurde später zur Grundlage für das Theaterstück "Ab heute heißt du Sara", das am Berliner Grips-Theater uraufgeführt wurde. Seither war Inge Deutschkron Mahnerin für Toleranz und Menschenrechte und erzählte ihre Geschichte immer wieder Schülerinnen und Schülern.

Es war ihr immer wichtig, die Geschichte aufzuarbeiten und über die Frage zu sprechen, warum der Holocaust überhaupt geschehen konnte. Sie sagte: "Verändern wird es sich natürlich, aber es wird nicht verschwinden, auch wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind. Und das ist das Wesentliche!" Mit ihr ist in diesem Jahr eine weitere wichtige Zeitzeugin gestorben. Sie wird fehlen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 23. August 2022, 18:05 Uhr

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