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Der Sonntagnachmittag mit Wolfgang Rumpf

Im Porträt Günter Wallraffs Lebensstrategie: Er lässt den Gegner kommen

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Günther Wallraff steht vor seinem eigenem Konterfei an der Wand (Archivbild)
Fühlt sich den Schwachen und ungerecht Behandelten zugehörig: Journalist Günter Wallraff. Bild: Imago | Future Image/C. Hardt

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff wird 80 Jahre alt. Einmal so alt zu sein, konnte er sich lange nicht vorstellen. In seinen rund 50 Berufsjahren ist er in dutzende Rollen geschlüpft, um soziale Missstände aufzudecken. Unter anderem als Mitarbeiter eines Callcenters oder als Paketbote. Als "Hans Esser" gelang es ihm einst, sich bei der Bild-Zeitung einzuschleusen.

Günter Wallraff in seinem Garten in Köln 2022
Günter Wallraff in seinem Garten in Köln 2022

Gesprächszeit "Ich geb‘ mir noch ein paar Jahre" – Günther Wallraff

80 Jahre alt zu werden, konnte sich Günter Wallraff lange nicht vorstellen. Undercover ist der investigative Journalist in dutzende Rollen geschlüpft, um soziale Missstände aufzudecken.

Bild: Radio Bremen | Christian Erber

Am 1. Oktober 2022 feiert Günter Wallraff seinen 80. Geburtstag. Ob er zu diesem Tag wieder eine neue Identität angenommen hat? Ausgeschlossen ist das nicht. Den Rollenwechsel hat er schon zum Mitarbeiter eines Callcenters, zum Obdachlosen oder zum Paketboten, dem nach 16-Stunden-Tagen sämtliche Knochen wehtaten, vollzogen

Die Bild-Rolle war die größte Schmutz-Rolle.

Günter Wallraff über seine Einsatz als "Hans Esser" bei der Bild-Zeitung

Berühmt gemacht haben Wallraff aber zwei andere Rollen. Als "Hans Esser" gelang es ihm, sich 1977 für vier Monate in die Bild-Redaktion Hannover einzuschleichen. "Die Bild-Rolle war die größte Schmutz-Rolle", sagt er, wenn er zurückblickt. Mit einem Doppelgänger tauschte er Papiere und Identität und deckte als "Esser wie Messer" gefälschte Geschichten und Recherche-Methoden der Bild-Zeitung auf. Auf juristischer Ebene versucht man ihn zum Schweigen zu bringen bis ein Grundsatzurteil gesprochen wurde: "Das war für mich natürlich eine Befreiung. Und nicht nur für mich." Noch heute erlaubt das Urteil investigativen Journalisten auch undercover zu arbeiten, wenn sie gravierende Missstände, die für die Öffentlichkeit relevant sind, aufdecken wollen.

Schwerstarbeit auf Kosten der Gesundheit

Noch berühmter machte ihn die Rolle des "Ali Levent". Als türkischer Leiharbeiter musste er sich an hochkontaminierten Arbeitsplätzen in Industriebetrieben regelrecht "verheizen" lassen. Das dazugehörige Buch "Ganz unten" (erschienen 1985) ist bis heute eines der meistverkauften deutsche Sachbücher nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Strapazen wirken bei ihm gesundheitlich bis heute nach. "Es gab keine Schutzvorkehrungen. Wir hatten keine Schutzhelme, keine Staubmasken. Die das über Jahre machten, ruinierten ihre Gesundheit. Ich war da als hochtrainierter Marathonläufer und als ich das über Monate machte, hatte ich Bronchienschäden und war froh, eine halbe Stunde am Stück laufen zu können."

Aufgewachsen in schwierigen Zeiten

Günter Wallraff in seinem Garten in Köln 2022
In seinem Garten hat Wallraff viele Skulpturen aus Steinen aufgestellt. Bild: Radio Bremen | Christian Erber

Wallraff lebt noch heute in Köln-Ehrenfeld im Haus seiner Großeltern und hat eine große Familie. Er ist zum dritten Mal verheiratet, hat sechs Töchter und einen Sohn aus verschiedenen Beziehungen. Seine Kindheit war nicht einfach. Geboren wurde Wallraff 1942 während des Zweiten Weltkriegs, als sein Vater bei Ford am Fließband, arbeitete und seine Mutter in Köln ein Klaviergeschäft betrieb. Eine Zeit lang hatte er in einem von Nonnen geführten Kinderheim gelebt, da der Vater krank wurde und die Mutter arbeiten musste. Dass er dort Einheitskleidung tragen musste ist ihm immer noch in schlechter, fast traumatischer, Erinnerung: "Meine Kleidung – das, was sozusagen noch an Identität übrig ist – das wird einem irgendwann genommen und man bekommt das, was alle tragen. Das war wie eine Entpersönlichung."

Für Krieg und Frieden untauglich.

So urteilte die Bundeswehr damals über den wehrpflichtigen Wallraff

Als sein Vater starb, war Günter Wallraff gerade 16 Jahre alt. Seine Mutter drohte immer wieder, er solle fleißig sein, sonst würde er als Straßenkehrer enden. Er machte eine Ausbildung zum Buchhändler, musste dann zur Bundeswehr, verweigerte aber dort den Kriegsdienst. Zehn Monate musste er trotzdem bei der Bundeswehr bleiben und führte dort Tagebuch. Entlassen wurde er schließlich mit den Worten "Abnorme Persönlichkeit - für Krieg und Frieden und untauglich".

Solidarisch mit denen, die keine Lobby haben

"Ich lass mich nicht gern feiern. Und alt zu werden ist auch kein Verdienst", sagt Günter Wallraff über seinen anstehenden Geburtstag. Seine Solidarität gehört denjenigen, die kaum oder keine Unterstützung bekommen. Noch heute melden sich fast täglich Menschen bei ihm, denen Unrecht geschehen ist. "Was für mich geblieben ist, dass ich zu einer Identität gefunden habe. Dass ich mich Menschen zugehörig fühle, die nicht dazu gehören, denen Unrecht geschieht. Und hier und da kann ich auch helfen."

Ich lass den Gegner kommen.

Günter Wallraff über seine Strategie an der Tischtennisplatte und im Leben

Auch wenn er sich lange nicht vorstellen konnte, so alt zu werden: Alles in allem präsentiert sich der 80-Jährige topfit. Davon konnte sich auch Bremen-Zwei-Moderator Christian Erber überzeugen, den Günter Wallraff während des Interviews gleich mehrmals an die heimische Tischtennisplatte zitierte. Eine schweißtreibende Angelegenheit – für beide Journalisten. "Ich lass' den Gegner kommen", beschreibt Günter Wallraff seine Tischtennis- aber auch Lebensstrategie. Und über das Älterwerden verschwendet er gar nicht so viele Gedanken: "Ich geb' mir auch noch ein paar Jahre. Ich hab noch was vor und zwei, drei Jahre brauche ich noch. Und wenn es nur ein Jahr ist, muss ich mich beeilen – aber das werde ich nutzen!"

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 30. September 2022, 18:05 Uhr