Im Porträt Kinder, die Gewalt erleben: Diese Erzieherin erzählt ihre Geschichten

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Porträt von Claudia Schmidtfrerick
Gewalt gegen Frauen und Kinder gehört zu ihrem Arbeitsalltag: Claudia Schmidtfrerick ist Erzieherin in einem Frauenhaus. Bild: privat

Claudia Schmidtfrerick ist Erzieherin in einem Frauenhaus. Dort finden Mütter und Kinder in Krisensituationen Schutz, Hilfe und Beratung. Mit einem Gedicht über ihre Arbeit gewann sie Ende 2023 einen Poetry-Slam in Osnabrück.

Porträt von Claudia Schmidtfrerick

Gesprächszeit "Unschlagbar": Was Kinder im Frauenhaus über Gewalt erzählen

Claudia Schmidtfrerick ist Erzieherin in einem Frauenhaus. Mit einem Gedicht über ihre Arbeit gewann sie Ende 2023 einen Poetry-Slam in Osnabrück.

Bild: privat

Jede vierte Frau erfährt hierzulande mindestens einmal in ihrem Leben psychische, körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Claudia Schmidtfrerick ist Erzieherin im Frauenhaus Rheine an der niederländischen Grenze und betreut schon seit mehr als 20 Jahren Kinder und Jugendliche, die zuhause Gewalt erleben mussten.

Es sind alles Frauen, die schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben.

Claudia Schmidtfrerick über die Frauen, die in ihrem Frauenhaus Zuflucht finden

Ihre Arbeit im Frauenhaus findet im Verborgenen statt. Das dient dem Schutz der Frauen und der Kinder, die dort Zuflucht gesucht haben. "Es sind alles Frauen, die schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben. Entweder mit den Vätern ihrer Kinder oder mit neuen Partnern", weiß Claudia Schmidtfrerick. Trotzdem hat sie sich im letzten Jahr entschieden, auf bei einem Poetry Slam in Osnabrück von ihrer Arbeit zu erzählen. In einem berührenden Gedicht trug sie vor, was sie in ihrem Alltag im Frauenhaus erlebt. "Das war ein sehr schönes Gefühl, damit auf die Bühne zu gehen", erzählt sie vom ersten Mal im Scheinwerferlicht.

Ein Gedicht von Leah Weigand berührte sie

Auf die Idee, ein Gedicht zu schreiben, kam sie, nachdem sie Leah Weigand in der Radio Bremen Talkshow 3nach9 gesehen hatte. Dort trug die Krankenpflegerin ihr Gedicht "Ungepflegt" über ihren anstrengenden Alltag, aber auch den schönen Momenten in der Pflege vor. "Ich fühlte mich an meine Arbeit erinnert. Nicht von der Thematik her, aber von dem Phänomen, dass es Sachen gibt, die einen total fordern, wo ich mich aber durch die Arbeit beschenkt fühle."

Erst zeigte Claudia Schmidtfrerick ihre Verse ihrer Nichte, dann traute sie sich, ihre Zeilen auch anderen zu zeigen. Bis die erste Person sagte: "Mensch, das muss auf die Bühne!" "Unschlagbar" heißt ihr Gedicht, das manchen Tränen in die Augen trieb und ihr Ende 2023 den ersten Platz im Osnabrücker Poetry Slam bescherte. "Das war überwältigend! Ich mag dieses Konkurrenzdenken und das Gewinnenmüssen eigentlich gar nicht, aber die Atmosphäre und das Wohlwollen in meine Richtung mitzubekommen – das war schon toll!"

Dass Kinder das nicht miterleben, ist ein Trugschluss.

Claudia Schmidtfrerick über die Annahme, dass Gewalt vor Kindern geheim gehalten werden könnte.

Im Frauenhaus arbeitet Claudia Schmidtfrerick mit Kindern, die in den unterschiedlichsten Lebensphasen sind. Kleinkinder leben zwischen Teenagern und Grundschulkindern. Wie lange die Kinder im Frauenhaus leben, weiß Schmidtfrerick nie. "Wenn ich nach dem Wochenende am Montag zur Arbeit komme, kann es sein, dass Kinder entweder mit ihrer Mutter ausgezogen sind oder auch Kinder dazu gekommen sind." Die Kinder haben selbst Gewalt erlebt oder die Misshandlung ihrer Mutter miterlebt: "Dass Kinder das nicht miterleben, ist ein Trugschluss. Gewalt oder eine angstvolle Atmosphäre wirkt sich immer auf Kinder aus."

Bei uns ist absolutes Männer-Verbot.

Wie das Frauenhaus Rheine seine Bewohnerinnen und Bewohner schützt.

Die Geschichten der Kinder zu hören, belastet, sagt Schmidtfrerick: "Ich möchte nicht jedes Detail der Misshandlung wissen." Sie arbeitet nicht therapeutisch, sondern ihre Aufgabe ist es zunächst, zu vermitteln, dass die Gewalt an diesem Ort vorbei ist. "Bei uns ist absolutes Männer-Verbot. Es kommen keine Männer ins Haus, es sei denn, es sind Handwerker, die sich anmelden müssen." Frauen und Kinder können zur Ruhe kommen, schlafen und essen ohne Angst vor einer Reaktion. Manche blühen schon nach drei Wochen regelrecht auf, manche brauchen länger, um Vertrauen zu Claudia Schmidtfrerick aufzubauen: "Manche Kinder brauchen etwas mehr Ruhe und viel Sicherheit, wo die Mutter ist, ob es der Mutter gut geht." Jeder gute Moment, den die Kinder im Frauenhaus haben, wird nicht vergessen, sagt Schmidtfrerick.

Ein sicheres Umfeld für die Kinder schaffen

"Ich pass‘ dahin", sagt die Erzieherin, die erfahren ist in der Arbeit mit Kindern, deren Weg nicht geradeaus verläuft. Zuvor hatte sie in einem Kinderheim gearbeitet: "Mitmenschlichkeit und auf andere Menschen achten, sie zu unterstützen, war schon in meiner Familie ein großes Thema." Inzwischen hat sie sich wegen der besonderen Erfordernisse im Frauenhaus berufsbegleitend zur Trauma-Pädagogin weiterqualifiziert: "Ich habe viel, viel mehr Verständnis dafür, dass Kinder auch mal den Rahmen sprengen. Und dann geht es nicht darum, wie ich es hinkriege, dass sich das Kind anders verhält. Sondern dahinter zu schauen: Warum verhält sich das Kind so?" 

Ich bin mir ganz sicher, dass ich weiterhin kreative Wege gehen werde, meine Arbeit zu verarbeiten.

Claudia Schmidtfrerick über die Erfahrung, die sie beim Poetry Slam gemacht hat

Claudia Schmidtfrerick probiert gern neue Dinge aus. Ob sie sich künftig noch häufiger aufs Dichten und Poetry Slammen verlegen wird, weiß die Erzieherin noch nicht, aber: "Ich bin mir ganz sicher, dass ich weiterhin kreative Wege gehen werde, meine Arbeit zu verarbeiten oder für mein eigenes, inneres Gleichgewicht zu sorgen." Und was rät sie Frauen, die häusliche Gewalt erleben und sich damit ganz alleine fühlen? "In die Öffentlichkeit gehen und sie Hilfe holen!" Auf keinen Fall müsse man sich schämen oder dürfe sich selbst die Schuld geben. Ein erster Schritt kann ein Anruf beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" sein.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 15. Februar 2024, 18:05 Uhr

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