Auf der Bühne Beeindruckender Theatermonolog über sexualisierte Gewalt

Autorin

Eine Frau tanzt auf der Bühne vor einer Treppe
Rebecca Seidel spielt im Stück "Prima Facie" von Suzie Millerin die Rolle der erfolgreichen Strafverteidigerin Tessa Ensler. Bild: Staatstheater Oldenburg | Lukasz Lawicki

Am 8. März 2024, dem internationalen Frauentag, ging es am Staatstheater Oldenburg um sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Das Stück „Prima Facie“ der australischen Dramatikerin Suzie Miller hatte Premiere. Es wurde 2019 in Sydney uraufgeführt und seitdem auf den großen Bühnen der Welt aufgeführt, auch am Londoner Westend und am New Yorker Broadway. In dieser Spielzeit ist es in Deutschland das meistgezeigte Stück.

Worum geht es in dem Stück?

Eine Frau sitzt schreiend auf einer Holztreppe.
Rebecca Seidel spielt die Juristin Tessa Ensler. Bild: Staatstheater Oldenburg | Lukasz Lawicki

In diesem Gerichtsdrama wird eine Vergewaltigung verhandelt. Allerdings treten weder Richter noch Anwälte oder Zeugen auf. Das ganze Stück besteht aus dem Monolog einer Frau: Tessa ist eine erfolgreiche junge Anwältin in einer renommierten Kanzlei in London. Zunächst beschreibt sie cool und selbstbewusst ihre Arbeit. Ihr Spezialgebiet ist es, Freisprüche für Männer zu erwirken, die wegen sexueller Übergriffe vor Gericht stehen. Ihre Methode: Sie erschüttert die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen und Zeugen. Dann aber wird sie selbst zum Opfer und erlebt nun hilflos aus der Gegenperspektive das von Männern gemachte Justizsystem. Denn ihr Fall ist nicht einfach zu beweisen: Nach einem fröhlichen und alkoholreichen Abend mit einem Kollegen wird sie von ihm vergewaltigt, nachdem sie vorher einvernehmlich Sex hatten.

Wie sieht das Bühnenbild aus?

Eine Frau sitzt allein auf einer großen Holztreppe.
Im Stück "Prima Facie" wird die Strafverteidigerin Zeugin der Anklage. Bild: Staatstheater Oldenburg | Lukasz Lawicki

Wer schon mal in einem Gerichtssaal war, weiß wie einschüchternd die Architektur sein kann. Im kleinen Haus im Staatstheater Oldenburg beherrscht eine breite Treppe die gesamte Bühne. Ihre überdimensionierten Stufen aus Holz führen ins schwarze Nichts. Mal ist die Treppe Gerichtssaal, wo die Topanwältin in dunkelblauem Nadelstreifenanzug ihre großen Auftritte hinlegt, wie auf einer Showtreppe oder Karriereleiter. Später wiederum wirkt Tessa, das Vergewaltigungsopfer, auf der übergroßen Treppe plötzlich besonders zart und zerbrechlich.

Was sagt unsere Kritikerin?

Ich kann gut verstehen, warum das Publikum gleich nach dem letzten Satz aufgesprungen ist und Standing Ovations gegeben hat. Die Schauspielerin Rebecca Seidel hat diese One-Woman-Show über eine Stunde und 40 Minuten (ohne Pause!) bravourös gemeistert. Anfangs gibt sie die knallharte, erfolgreiche Strafverteidigerin. Später zeigt sie sich tief verletzt und erschüttert. Die Anwältin ist nicht nur durch die Vergewaltigung traumatisiert, sondern hat auch ihren Glauben verloren an das Justizsystem, für das sie bis dahin gelebt hatte, wie sie sagt. Rebecca Seidel verkörpert diese innere Entwicklung sehr eindrucksvoll. Aber auch die äußeren Situationen: Wenn sie mit wenigen Sätzen und Gesten andere Figuren skizziert, sieht man die richtig vor sich: den großen Polizisten auf der Wache, die kettenrauchende Mutter auf der Couch oder den britischen Staatsanwalt mit Perücke.  Das Stück ist klug konstruiert und bringt die Grenzen der Gesetze voll auf den Punkt, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Regisseurin Franziska Stuhr hat dieses harte Thema sensibel und fokussiert auf die Bühne gebracht.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Samstagmorgen, 9. März 2024, 11:20 Uhr

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