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Die Nacht

Die regionale Reportage Der gedrehte Kirchturm von Sandstedt

Autoren

  • Catharina Spethmann
Kirche in Sandstedt vor blauem Himmel
Liebgewonnener Pfusch am Bau: Der Turm der Sandstedter Kirche ist verdreht. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Vor mehr als 400 Jahren war man beim Bau des Kirchturms in Sandstedt im Kreis Cuxhaven wohl nicht so genau. Jetzt ist er schief. Doch reparieren will die Gemeinde ihn nicht. Reporterin Catharina Spethmann kennt die ganze Geschichte.

Warum der Turm der Sandstedter Kirche verdreht ist

Der Turm der Sandstedter Kirche ist besonders: Er ist in sich verdreht, die Spitze leicht geknickt. Der Grund: Pfusch am Bau – vor 600 Jahren.

Audio vom 21. Dezember 2020
eine Kirche mit gedrehtem Kirchturm vor blauem Himmel
Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Eine hübsche alte Backsteinkirche, weiße Fenster, die goldfarbenen römischen Ziffern der Turmuhr blitzen in der Sonne. Der Blick wandert höher, zum spitzen schwarzen Kirchturmdach. Irgendetwas stimmt nicht ganz. "Nein, er ist nicht ganz normal," sagt Karla Mombeck aus Sandstedt, früher Samtgemeindedirektorin und lange im Sandstedter Kirchenvorstand. Die Kirchturmspitze ist nicht nur in sich gedreht, sondern knickt auch oben an einer Seite leicht ein. Sie ist mit Kupferblech beschlagen, das mit der Zeit schwarz geworden ist. Mit etwas Fantasie sieht sie aus wie ein hoher Hexenhut.

Pfusch am Bau vor 400 Jahren

Das schiefe Turmdach war so nicht geplant, weiß Karla Mombeck: "Es ist festgestellt anhand alter Rechnungen, die noch im Archiv liegen, dass dieser Kirchturm innerhalb nur eines halben Jahres gebaut wurde. Das war 1611 eine stolze Leistung. Und da waren die Eichenbalken wohl nicht ganz ausreichend abgetrocknet, haben sich hinterher trocken gezogen und damit den Turm schief gezogen." Da waren die Handwerker aber bereits bezahlt und über alle Berge. Pfusch am Bau gab es also schon im 17. Jahrhundert. Heutzutage, sagt Karla Mombeck, würde man die Handwerker vermutlich verklagen. Damals nahm man das schiefe Kirchturmdach eben hin.

Die Sandstedter haben immer darauf geachtet, dass bei allen Reparaturen die Drehung nicht rausgenommen, sondern drinnen gelassen wurde.

Karla Mombeck über die innige Beziehung der Sandstedter*innen zu ihrem gedrehten Kirchturm

Den Sandstedtern wuchs ihr Turm ans Herz. Er neigt sich auch noch ganz leicht zur Seite, weil die Kirche, wie in der Marsch üblich, auf einer Warft gebaut wurde, die im Lauf der Jahrhunderte um etwa einen halben Meter absackte.

Über die Jahrhunderte hätte es Gelegenheiten genug gegeben, das Dach des Kirchturms geradezurichten, aber den Sandstedtern gefiel ihr Kirchturm: "Die Sandstedter fanden das inzwischen sehr schön und haben auch, wenn der Turm repariert wurde, immer darauf geachtet, dass bei allen Reparaturen die Drehung nicht rausgenommen, sondern drinnen gelassen wurde."

Mitglied der "Vereinigung der gedrehten Kirchtürme Europas"

Mitte der 1990er Jahre trieben sie es buchstäblich auf die Spitze. Recherchen des damaligen Pastors hatten ergeben, dass es eine in Frankreich ansässige "Vereinigung der gedrehten Kirchtürme Europas" gab. Man bewarb sich um Aufnahme. Eine Delegation aus Frankreich reiste an, um den Turm in Augenschein zu nehmen, es gab mehrere öffentliche Veranstaltungen.

weißes Schild mit blauer Schrift: "Clochers Tors d
Der Beweis: Die Kirche in Sandstedt gehört zu den etwa 100 Kirchen in Europa mit gedrehtem Turm. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Der Sandstedter Kirchturm wurde für aufnahmewürdig befunden und gehört seitdem der Vereinigung mit den europaweit mindestens 100 Kirchtürmen an, deren Spitze aus verschiedenen Gründen in sich gedreht ist. Ein weiß-blaues Schild mit französischer Aufschrift, Logo und Europa-Emblem thront über der Hecke, die den Kirchhof umgibt. Zur Erinnerung wurde eigens ein Glas in kleiner Auflage gefertigt, das das Logo – die Dachsparren einer gedrehten  Kirchturmspitze – und eine Aufschrift trägt. Noch heute steht es bei Karla Mombeck im Schrank. Und der Turm? Steht stolz an der Kreuzung mitten im Dorf und blickt unter seiner verdrehten Spitze unbeeindruckt den nächsten Jahrhunderten entgegen. 

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 21. Dezember 2020, 10:40 Uhr.