Die regionale Reportage Die Rechtsabbiegerspur, auf der früher mal die Feuerwache stand

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  • Gerhard Snitjer
Abbildung der alten Feuerwache in Oldenburg, die inzwischen abgerissen wurde.
Wo früher in Oldenburg die Feuerwache stand, befindet sich heute eine mehrspurige Straße. Bild: alt-oldenburg.de

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs Oldenburg von 80.000 Menschen auf 120.000 an. Es wurde eng in der Stadt. Wohnraum musste her – und Platz für den zunehmenden Autoverkehr. Deshalb wurde ein städtebauliches Schmucksstück abgerissen: die alte Feuerwache am westlichen Rand der Altstadt.

Abbildung der alten Feuerwache in Oldenburg, die inzwischen abgerissen wurde.

Alte Feuerwache in Oldenburg

Wo heute ein vielbefahrene Straßenkreuzung ist, stand bis 1955 die alte Feuerwache in Oldenburg. Gerhard Snitjer mit einer Spurensuche.

Bild: alt-oldenburg.de

Viele Oldenburger können es kaum glauben, dass an dieser Stelle überhaupt irgendein Gebäude gestanden haben soll: Dort, wo die vielbefahrene Ofener Straße in den ebenfalls verkehrsreichen Wallring mündet. Auf der einen Ecke dieser Einmündung steht das Café Klinge, eine Oldenburger Institution. Aber gegenüber? Dort, wo sich Lastzüge und Gelenkbusse um die Ecke quälen? Dort kann doch unmöglich ein Gebäude gestanden haben. Doch, da stand eins. Die Feuerwache. Wäre sie noch da, dann ragte sie weit in den heutigen Straßenraum hinein.

Auf altem Fundament gebaut

Abbildung der alten Feuerwache in Oldenburg, die inzwischen abgerissen wurde.
Eine Kirche? Eine Burg? Nein, das ist die ehemalige Feuerwache in Oldenburg. Bild: alt-oldenburg.de

Das Feuerwehrhaus hatte eine neogotische Backsteinfassade, mit einem Turm, um die Schläuche zu trocknen. Es sah aus wie eine mittelalterliche Burg, erklärt Gästeführer Helmuth Meinken. Eine sehr kleine Burg. Aber wirklich hübsch. Hinter den vielen Torbögen im Erdgeschoss mögen früher die Spritzenwagen gestanden haben, ganz zu Anfang wahrscheinlich Handkarren mit Handpumpen, denn gebaut wurde das Haus um 1880. Im ersten Stock: eine Reihe bezaubernder Spitzbogen-Fenster. Und über dem Satteldach, an der Rückseite, erhob sich der stattliche, quadratische Turm, gekrönt von Zinnen und Ecktürmchen. Hier, wo das Flüsschen Haaren in den Wallgraben fließt, gab es lange vorher ein Stadttor nach Westen, das Haaren-Tor, und auf dessen Fundamenten errichtete man die Feuerwache. Zu dem Zeitpunkt stand auf der anderen Seite das Café Klinge, das auch auf den Grundmauern gebaut wurde, die zum Tor gehörte. Feuerwache und Café bildeten sozusagen wieder ein Tor, das in die Stadt hineinführte.

Dunkles Kapitel: Ein Feuer, das nicht gelöscht wurde

Ende des 19. Jahrhunderts gab es noch keine Berufsfeuerwehr. Den Dienst versahen die Turner des Oldenburger Turnerbundes. Getreu der Devise "frisch, fromm, fröhlich, frei" engagierten sich diese sportlichen Männer für das Gemeinwesen und hielten sich bereit, Brände zu löschen. Erst in den 1920er Jahren wurde eine sogenannte Feuerpolizei geschaffen. Sicher eine segensreiche Einrichtung, die viele Feuersbrünste verhindert haben mag. Eine allerdings nicht, und das war in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. In Oldenburg feierten die Nationalsozialisten einen feuchtfröhlichen Geburtstag ihres Kreisleiters Engelbart. Gleichzeitig feierten in München ranghohe Nazis den Jahrestag des Hitlerputsches von 1923. Von München nach Oldenburg kam spätabends die telefonische Order: "'Die Synagogen sind anzuzünden.' Das war ein Befehl aus München. Und es hieß auch sofort: 'Keine Feuerwehr einsetzen. Es sind bestenfalls die arischen Häuser der Nachbarschaft zu schützen'," erklärt Gästeführer Meinken.

Gesagt, getan. Die Nazis legten das Feuer, die Feuerwehr griff nicht ein. Die Synagoge in der Peterstraße war keine 100 Meter von der Wache entfernt, aber man ließ sie brennen, vor den Augen einer neugierigen Menge. Der ehemalige Oberbürgermeister Rabeling stand dort. Auch der Bürgermeister Bertram, der sogar mit seiner 12-jährigen Tochter gekommen war, die dann auch jubelte, als funkensprühend die Kuppel eingestürzte .

Das Alte hinter uns lassen, den Krieg. Der Verkehr musste irgendwo neue Wege finden.

Helmuth Meinken, Gästeführer

Nach dem Krieg wurde das Gebäude für die immer größeren Löschfahrzeuge und Drehleitern viel zu klein. Die Feuerwehr zog ins alte Zeughaus an der Auguststraße. Und die alte Wache am Haarentor wurde 1955 abgerissen, ganz ohne Protest. "Da gab es keinen Widerspruch. Der Zeitgeist war so. Nicht nur bei den Stadtplanern. Bei den Bürgern genauso. Das Alte hinter uns lassen, den Krieg. Der Verkehr musste irgendwo neue Wege finden", so Meinken.

Wo der Backsteinbau stand, ist heute Verkehrsfläche. Und die meisten Oldenburger staunen ungläubig, wenn ein Foto ihnen beweist, dass hier einmal etwas anderes war als eine Rechtsabbiegerspur.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 13. Oktober 2020, 13:40 Uhr

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Der Samstagmorgen mit Jörn Albrecht

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