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Der Morgen mit Tom Grote

Die regionale Reportage Drei Findlinge bei Stinstedt erzählen eine traurige Geschichte

Autor/Autorin

  • Gerhard Snitjer
Drei Findlinge liegen im herbstlichen Gelände
Drei Findlinge mit eingemeißelten Namen und Daten liegen in der Einsamkeit des Langen Moores bei Stinstedt im Landkreis Cuxhaven. Bild: Radio Bremen | Gerhard Snitjer

Gedenksteine sollen an etwas oder an jemanden erinnern. Was aber, wenn sogar die Gedenksteine vergessen werden, weil sie so weit abseits liegen? Drei Findlinge mit eingemeißelten Namen und Daten liegen in der Einsamkeit des Langen Moores bei Stinstedt im Landkreis Cuxhaven. Niemand kommt hier zufällig vorbei; man muss schon wissen, wonach man sucht. Und wenn man die Steine findet, erzählen sie eine wirklich herzzerreißende Geschichte.

Drei Findlinge liegen im herbstlichen Gelände

Drei Findlinge bei Stinstedt erzählen eine traurige Geschichte

Drei Findlinge mit eingemeißelten Namen und Daten liegen in der Einsamkeit des Langen Moores bei Stinstedt im Landkreis Cuxhaven. Sie erzählen eine traurige Geschichte.

Bild: Radio Bremen | Gerhard Snitjer

Die moorigen Wege sind nicht für Autos geschaffen. Burkhard Otten kennt sich aber zu Fuß bestens aus, weil er als kleiner Junge in den 1960er Jahren in der Weite des Langen Moores spielen durfte, wenn er mit den Eltern hier in der Nähe seine Oma besuchte. Ein Karree aus hohen Bäumen lässt erahnen, dass sie mal ein Grundstück umgaben. "Bevor ich auf die Welt kam", sagt Burkhard Otten, "stand zwischen diesen Bäumen das Haus der Familie Hinck."

Drei naturbelassene Findlinge, von Moos überzogen, mit eingemeißelten Namen und Daten, liegen im Gelände. Es sind keine Grabsteine. Die Brüder Johann, Claus und Hermann Hinck sind auf Soldatenfriedhöfen bestattet. Aber hier, wo sie aufwuchsen, hat ihre Familie ihnen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Denkmal gesetzt.

Die drei gefallenen Brüder

Die Hincks waren einfache Bauern, die Land- und Torfwirtschaft betrieben, erzählt Burkhard Otten. Im Garten neben dem Haus wuchsen Obst und Gemüse, Kleinvieh lief herum, und einige wenige Kühe gab es auch.

Fünf Söhne gab es, alle mussten in den Krieg. Hermann fiel als erster, im Sommer 1943. Er war gerade 25 Jahre alt geworden. Wie mag es gewesen sein, als die Todesnachricht des Jüngsten eintraf? Und eineinhalb Jahre danach, im Februar 45, als die Eltern vom Tod ihres Sohnes Claus erfuhren? "Meines Wissens ist das damals über die Bürgermeister gelaufen. Die Ortsbürgermeister hatten die Aufgabe, den Leuten das zu übermitteln,“ erzählt Burkhard Otten. Claus Hinck war 28, als er starb. Sechs Wochen später, im März 1945, kurz vor Kriegsende, kam der Bürgermeister abermals den matschigen Weg zum Haus der Hincks herauf. Nun war auch Johann gefallen, 36 Jahre alt. Die Familie hatte drei von fünf Söhnen verloren.

Tabuthema Krieg

Ein weiterer Sohn überlebte: Friedrich. Sein Sohn war es, der nach dem Krieg die Gedenksteine neben dem Haus aufstellte. Aber was war mit Wilhelm, dem Ältesten? Burkhard Otten offenbart seine eigene Verbindung zu der Tragödie: "Wilhelm Hinck, das war mein Opa. Der ist damals auch im Krieg gewesen, und der gilt als vermisst."

Gelebt hatte Wilhelm mit seiner Familie etwa einen Kilometer von seinem Elternhaus entfernt – da, wo Burkhard Otten als kleiner Junge immer die Oma besucht hat. Und wo bei den Zusammenkünften der Familie niemals über das Entsetzliche gesprochen wurde. "Was im Krieg war, das ist eigentlich nie ein Thema gewesen. Es ist verschwiegen worden, mehr oder weniger. Auch wenn die Älteren sich untereinander unterhalten haben, ist das nie ein Thema gewesen. Entweder hatten sie damit abgeschlossen, oder... Es wurde halt nicht drüber gesprochen."

Die Eltern der Hinck-Brüder gaben in den 1950er Jahren die Landwirtschaft im Moor auf und zogen in ein nahe gelegenes Dorf. Das Haus wurde abgerissen. Aber die Gedenksteine für ihre gefallenen Söhne, die ließen sie hier, am Ort ihrer Kindheit und Jugend.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 15. November 2021, 10:40 Uhr