Im Porträt "Migrantenmutti": Elina Penner zeigt, dass Elternschaft politisch ist

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Elina Penner
"Hauptstadtmutti" Elina Penner ist inzwischen wieder zurück nach Ostwestfalen gezogen. Bild: Radio Bremen | Katharina Mild

Elina Penner schreibt für das Online-Magazin "Hauptstadtmutti" – ein Lifestyle-Blog für Mütter, die Familie, Beruf und angesagten Streetstyle lieben. Nun erscheint ihr Buch "Migrantenmutti". Darin nimmt Elina Penner, die 1987 gerade noch so als Sowjet-Bürgerin geboren wurde, unterhaltsam die Unterschiede zwischen Eltern mit und ohne Migrationshintergrund auseinander.

Elina Penner
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Gesprächszeit "Migrantenmutti" und "Hauptstadtmutti": Elina Penner ist beides

In ihrem Buch "Migrantenmutti" stellt Elina Penner fest: Sie ist anders als die klassisch-deutschen Mütter. Unterhaltsam schreibt sie über die Unterschiede.

Bild: Radio Bremen | Katharina Mild

Elina Penner schreibt Bücher, Online-Artikel und für journalistische Medien wie die "Zeit", doch das Wort "Journalistin" will ihr dabei nicht so recht über die Lippen. Viel lieber nennt sie sich Autorin oder "Writer": "Für mich sind echte Journalisten und Journalistinnen die, die 'vernünftig' recherchieren – und nicht wie ich wutentbrannte Meinungsstücke runterrattern wie ich das meistens so mache“, sagt sie augenzwinkernd.

Mit vier Jahren nach Deutschland

Geboren ist Elina Penner 1987 in der Sowjetunion, nahe der Grenze zum heutigen Kasachstan. Ihre Muttersprache ist Plautdietsch, die Sprache der Russlandmennoniten, die sich vor rund 500 Jahren im Raum Danzig herausgebildet hat: "Ich bin damit komplett aufgewachsen. Meine Eltern sprechen nichts anderes mit mir, mit meinen Kindern, mit meinem Ehemann, der nicht aus dieser Community stammt, und diese Sprache ist für mich absolut Zuhause."

Es geht mir da drum, zu zeigen, dass das Mutterbild nicht nur schlank, weiß, blond, westdeutsch geprägt ist.

Elina Penner über ihr Schreiben für das Online-Magazin 'Hauptstadtmutti"

Mit vier Jahren kam sie nach Deutschland und wuchs in Westfalen auf. Nach dem Abitur hat Penner in Regensburg, Berlin und den USA studiert. Während ihrer ersten Elternzeit schrieb sie ihre Master-Arbeit und fing an, für das Online-Magazin "Hauptstadtmutti" zu schreiben, das damals vor 12 Jahren vor allem arbeitende Mütter und ihren Fashion-Look porträtierte. Heute betreibt sie es selbst: "Heutzutage geht es mir vor allem auch da drum, zu zeigen, dass das Mutterbild nicht nur schlank, weiß, blond, westdeutsch geprägt ist und ich glaube, dass "Hauptstadtmutti" damit immer noch sehr alleine dasteht."

Was die "Aussiedler-Millenials" verbindet

Inzwischen ist sie wieder nach Minden zurückgezogen, weil ihr Berlin mit den weiten Wegen, den manchmal unfreundlichen Menschen und dem komplizierten Großstadtdschungel ziemlich auf den Keks geht. "Für Berlin habe ich wirklich nicht viel Liebe übrig", lacht sie, wenn sie darauf angesprochen wird.

Wir haben alle die Notwohnungen gesehen, wir kennen alle die Sprachschulen.

Elina Penner über die Ankunftssituation Russlanddeutscher in den Neunzigern

In ihrem beschaulichen Dorf hat sie im letzten Jahr bereits den Roman "Nachtbeeren" über ein Aussiedlerkind geschrieben. Darin beschreibt sie, was alle "Aussiedler-Millenials", also Kinder russlanddeutscher Eltern wie sie, in den Neunzigern verbunden hat: "Sie wurden nicht gefragt. Sie wurden in Züge und Flugzeuge gesteckt und wachten in einem Auffanglager oder einem Bus auf." Die Geschichte von "Nachtbeeren" ist also nicht nur die Geschichte von Elina Penner, sondern die von tausenden Aussiedlerkindern: "Wir haben alle die Notwohnungen gesehen, wir kennen alle die Sprachschulen, die Alltagssituation unserer Eltern."

"Migrantenmutti": Warum TV-Konsum und Zucker einen Unterschied machen

Wenn man jetzt Elina Penners neues Buch "Migrantenmutti" liest, hat man das Gefühl, Migrantenmütter sind ganz anders als die klassisch-deutschen Mütter. "Was mich frustriert ist, wie fertig sie sich selbst machen", so die 36-Jährige. Ihr ist zum Beispiel aufgefallen, dass in klassisch-westdeutschen Familien Fernsehkonsum oft verpönt ist und vor allem in den Gutverdiener-Schichten über alles ein pastellfarbener Instagram-Filter gelegt wird: "Fernsehen wird assoziiert mit Armut, mit einer bestimmten Schicht, mit bestimmten Jogginganzügen, Zucker und schwarzen Zähnen bei Kindern." Gleichzeitig erlebt sie, wie ihre nicht-migrantischen Freundinnen sich großen Druck machen, um all die Erwartungen, die an sie als Mütter gestellt werden, zu erfüllen.

Was ich oft nicht verstehe, ist, warum man sich das Leben so schwermachen muss.

Elina Penner über ihre deutschen Mütter-Freundinnen
Porträt der Autorin Elina Penner
Elina Penner Bild: Kai Senf

Dabei war Elina Penner selbst jahrelang die Mutter, die das Salz von der Brezel abstrich oder das Fernsehen verbot. "Aber ich fand es sehr anstrengend, diese Mutter zu sein." Und dann merkte Elina Penner wie sehr ihre Identität doch migrantisch geprägt ist. Sie selbst hat in ihrer Kindheit eine Mutter erlebt, die nach der Nachtschicht in der Pflege erst einmal schlafen musste, während der Vater das Frühstück zubereitet hat. "Ich habe von meiner Mutter gelernt – und dafür bin ich sehr dankbar – dass meine Mutter es sich selbst wert war, sitzen zu dürfen, liegen zu dürfen."

Heute appelliert sie an alle Mütter, das schlechte Gewissen beiseite zu schieben, wenn sie ihre Kinder mal alleine lassen oder wenn es doch mal Fernsehen und Chips gibt, wenn gleichzeitig eine Deadline im Job ansteht: "Ich bin ja Deutsche, ich bin pünktlich, ich war auf diesem Gymnasium, ich habe hier studiert, ich bin auch jemand, der gerne seine Steuer macht. Das ist nicht etwas, was ich per se doof finde. Aber was ich oft nicht verstehe, ist, warum man sich das Leben so schwer machen muss."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 22. September 2023, 18:05 Uhr

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