Im Porträt Warum dieser Start-up-Gründer auf Menschen im Autismus-Spektrum setzt

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Porträt von Dirk Mueller Remus
Dirk Müller-Remus' Sohn ist Asperger-Autist. In seinem Unternehmen beschäftigt er nur Menschen im Autismus-Spektrum. Bild: Imago | photothek

Als Dirk Müller-Remus erfahren hat, dass viele gut ausgebildete Asperger-Autisten arbeitslos sind, hat er das Unternehmen "Auticon" gegründet. Es beschäftigt ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum als IT-Fachkräfte – und ist damit sehr erfolgreich.

Porträt von Dirk Mueller Remus

Gesprächszeit "Wenn ich Ideenfinder suche, dann sind es die Autisten" – Dirk Müller-Remus

Dirk Müller-Remus hat das Unternehmen "Auticon" gegründet. Es beschäftigt nur Menschen im Autismus-Spektrum als IT-Fachkräfte – und ist damit sehr erfolgreich.

Bild: Imago | photothek

Als sein Sohn einmal aus dem Stand heraus ein Musikvideo nachtanzen konnte, war Dirk Müller-Remus total baff: "Diese Erinnerung, dieses Kurzzeitgedächtnis, das ist unglaublich. Ich hab' da festgestellt, dass er besondere Talente hat." Dirk Müller-Remus' Sohn ist Asperger-Austist – bekannt ist das der Familie aber erst seitdem sein Sohn 14 Jahre alt ist. Die Diagnose war damals eine Erleichterung, weil so den vielen Auffälligkeiten endlich ein Name gegeben werden konnte. "Auf der anderen Seite war es auch ein bisschen deprimierend, weil Autismus eben keine Krankheit ist, die sich irgendwann mal ausschleicht. Sondern die ist lebenslang da", erinnert sich Dirk Müller-Remus.

Ich habe mich massiv geärgert, dass immer nur von Defiziten die Rede war.

Dirk Müller-Remus über seine ersten Informationen über Asperger-Autisten

Oft haben sogenannte Asperger-Autisten Probleme in der sozialen Interaktion und Kommunikation. "Diese Schwäche führt dazu, dass es ihnen sehr schwer gelingt, in die Welt einzutauchen, die unsere ist. Also alles, was wir tun, ist für sie ein Rätsel", erklärt Müller-Remus. Damals stürzte er sich in Fachliteratur, um sich zu informieren und war schockiert: "Ich habe mich massiv geärgert, dass immer nur von den Defiziten die Rede war – und kein Wort über die Stärken geschrieben war."

Am Schluss hörten wir, dass allesamt arbeitslos waren!

Dirk Müller-Remus über den Dämpfer, den er in einer Autismus-Selbsthilfegruppe hörte

In einer Selbsthilfegruppe kam Müller-Remus dann mit erwachsenen Asperger-Autisten in Kontakt, die von ihrem beruflichen Werdegang erzählten. Die meisten hatten einen guten Schulabschluss und waren bestens ausgebildet – bis hin zum Doktortitel. Dann der Dämpfer: "Und am Schluss hörten wir, dass allesamt – alle! – arbeitslos waren. Und zwar nicht aufgrund ihrer fachlichen Eignung, sondern allein aufgrund des Themas soziale Interaktion und Kommunikation."

Ein IT-Unternehmen nur für autistische Fachkräfte

An diesem Abend verließ Dirk Müller-Remus die Selbsthilfegruppe und fasste einen Entschluss. Er wusste, dass Asperger-Autisten oft gut darin sind, Muster und Fehler zu erkennen. "Asperger-Autisten haben ein starkes Gefühl für Qualität. Für Detailgenauigkeit. Das sind Dinge, die man beim Testen von Software sehr gut gebrauchen kann", so Müller-Remus. Der gelernte Wirtschaftsinformatiker gab seinen Job als Geschäftsführer eines Medizintechnik-Unternehmens auf und gründete mit Mitte 50 "Auticon". Ein Unternehmen, in dem Menschen mit Asperger-Autismus eine berufliche Heimat finden, und das IT-Dienstleistungen für die freie Wirtschaft anbietet. Dafür bekam er 2015 den Deutschen Gründerpreis und 2021 sogar das Bundesverdienstkreuz.

Sie verknüpfen Dinge, wo wir sagen, das gehört doch gar nicht zusammen.

Dirk Müller-Remus über die besonderen Fähigkeiten von Menschen im Autismus-Spektrum

Aber nicht nur beim Qualitätsmanagement können Asperger-Autisten ihre Qualitäten ausspielen. Auch bei kreativen Lösungen setzt Dirk Müller-Remus auf sie: "Sie verknüpfen nach eigenen Vorstellungen Dinge, wo wir sagen, das gehört doch gar nicht zusammen. Und wenn man dann später drauf schaut, stellt man fest: Das ist ja eine ganz innovative Methode. Und davon war ich von Anfang an hellauf begeistert." Andere Unternehmen profitieren vom "Andersdenken" seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Heute berät "Auticon" Versicherungen, Banken und Automobilhersteller, hat Dependancen im Ausland und auch eine in Bremen.

Neues Start-Up für andere neurodivergente Menschen

Inzwischen hat Dirk Müller-Remus "Auticon" verlassen und mit "Diversicon" sein nächstes Start-Up gegründet. Denn nicht alle Autistinnen und Austisten haben Interesse an einem IT-Job. Das Sozialunternehmen "Diversicon" ist breiter aufgestellt und bietet Kurse an, die Menschen im Autismus-Spektrum, aber auch Menschen mit ADHS, Lese- und Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie branchenübergreifend auf ihrem Weg in eine langfristige Anstellung begleiten. "Das halte ich auch für enorm wichtig, dass eben nicht nur für die, denen so ein bisschen das Genie angedichtet wird – die IT-Autisten – was getan wird. Es gibt eben auch andere, die andere Interessen haben und auch nicht unbedingt immer hochbegabt sind. Für die ist es gedacht."

Wenn ich Ideenfinder suche – dann sind es die Autisten, die durch ihr anderes Denken Wege bereiten.

Dirk Müller-Remus' Botschaft für die Zukunft

Den Begriff Visionär mag Dirk Müller-Remus übrigens nicht so gern. Die Idee, das Potenzial von Asperger-Autisten für die Wirtschaft verfügbar zu machen, gab es zuvor auch schon in anderen europäischen Ländern. Für seine Unternehmensideen hatte Müller-Remus Kontakte in Dänemark und Belgien geknüpft. Aber seine Botschaft für die Zukunft ist klar: "Wir haben so viele Herausforderungen in der Gesellschaft, in Deutschland, Europa, aber auch der Welt. Und ich sage immer: Wenn es darum geht, ein Brainstorming zu einem Problem zu veranstalten, wenn ich Ideenfinder suche – dann sind es die Autisten. Es sind vor allem die Autisten, die durch ihr anderes Denken Wege bereiten, auf die wir vielleicht in fünf bis zehn Jahren noch nicht kommen."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 28. Februar 2023, 18:05 Uhr

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