Im Porträt Ein Leben zwischen Gedichten, Gabelstapler und Gastarbeiter-Sorgen

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Der Schriftsteller Dinçer Güçyeter
Bekam für "Unser Deutschlandmärchen" den Preis der Leipziger Buchmesse: Dinçer Güçyeter Bild: dpa | Gerald Matzka

Dinçer Güçyeter wurde in diesem Jahr für seinen Debütroman mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In "Unser Deutschlandmärchen" schreibt er über seine Kindheit als Sohn türkischer Gastarbeiter.

Der Schriftsteller Dinçer Güçyeter

Gesprächszeit Dinçer Güçyeter über seinen Debütroman "Unser Deutschlandmärchen"

Dinçer Güçyeter wurde 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In "Unser Deutschlandmärchen" schreibt er über seine Geschichte als Gastarbeiterkind.

Bild: dpa | Gerald Matzka

Er ist Lyriker und Verleger – und hat bis zum Frühjahr noch im Nebenjob als Gabelstaplerfahrer gearbeitet. Er hat Waren aus der Ukraine verladen bis das Geschäft schlecht lief und er kurz vor der Leipziger Buchmesse freigestellt wurde. Für Dinçer Güçyeter ein passender Zeitpunkt, denn dort wurde er in der Kategorie "Belletristik" für seinen Debütroman ausgezeichnet und ging anschließend auf große Lesereise.

Güçyeter gibt Frauen eine Stimme

Geschrieben hat Güçyeter "Unser Deutschlandmärchen" im Haus seiner Großeltern an der ägäischen Küste in der Türkei: "Man kann mich für verrückt halten, aber dieses Haus hat seine eigenen Dämonen. Und da habe ich mich eingeschlossen." Das Buch hat autobiografische Züge und die darin erzählte Familiengeschichte über mehrere Generationen ist auch eine Migrationsgeschichte.

Ich habe gemerkt, dass diese Stimmen genau unter meiner Haut waren.

Dinçer Güçyeter über seine Mutter und seine Tanten

Güçyeters Eltern kamen in den Siebzigern als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland und in seinem Buch nimmt er vor allem die weibliche Perspektive seiner Familie ein. Diese Frauen haben über ihre Wünsche, ihre Begehren nie frei gesprochen, so Güçyeter. "Ich fand es spannend, wie ich diesen Frauen eine Stimme geben kann und als ich am Schreibtisch saß, habe ich gemerkt, dass diese Stimmen genau unter meiner Haut waren."

Seine Eltern waren sich nicht zu schade für unbequeme Jobs. Seine Mutter stand morgens in der Fabrik und nachmittags auf dem Spargelfeld. Sie war diejenige, die das Nest baute, das Geld in der Familie zusammenhielt und vielen Verwandten aus der Türkei hierzulande Jobs und Wohnungen verschaffte. Und sie pflasterten den Weg für die jüngere Generation: "Deshalb wollte ich diese Frauen nicht als Opfer darstellen in diesem Text. Sondern als Heldinnen, die sehr viel bewegt haben."

Als Schüler las er Gedichte und Erzählungen

Sein Vater war der Großzügige, der Ideen hatte, aber mit Geld nicht wirklich gut umgehen konnte. In seiner Kneipe durfte der junge Dinçer den DJ spielen und interpretierte Liedtexte, die er sich auf Bierdeckeln notiert hatte. Irgendwann fing er an, Gedichte zu schreiben, las in der Pause Gedichte von Else Lasker-Schüler und Erzählungen von Heinrich-Böll. "Dann hieß es immer: 'Er hält sich für was Besseres'", erinnert sich der heute 44-Jährige. Bis er seine eigene Stimme gefunden hatte, war Dinçer Güçyeter schon Anfang 30. Auch wenn die Männer in seinem Buch fast verstummen, spricht der heute 44-Jährige mit viel Liebe über seinen inzwischen verstorbenen Vater: "Er hat immer gesagt: 'Dinçer, mach was du willst.'"

Sie wollte endlich mal in der Familie dieses gestandene Männerbild. Diesen starken Mann, der arbeitet und Häuser kauft.

Dinçer Güçyeter über seine Mutter und das Mann-Sein in seiner Familie

Seine Mutter dagegen machte sich oft Sorgen um das Finanzielle und wünschte sich für ihren Sohn einen soliden Job: "Sie wollte endlich mal in der Familie dieses gestandene Männerbild. Diesen starken Mann, der arbeitet und Häuser kauft." Güçyeter ging in die Fabrik, doch auch vom Unternehmergeist seines Vaters hatte er etwas mitbekommen: "Als ich mit Anfang 20 mit dem Rebellieren angefangen habe, war ich für meine Mutter eine Niete, ein Loser." 2012 gründete Dinçer Güçyeter schließlich seinen Lyrik-Verlag "Elif": "Alle haben mich für einen Bekloppten gehalten. Wer kauft schon Lyrikbände? Gedichtbände?" Inzwischen hat Güçyeter seiner Mutter bewiesen, dass man mit dem Schreiben auch erfolgreich sein kann. Mittlerweise hat er über 85 Veröffentlichungen in seinem Verlag: "Das ist für mich ganz großes Glück. Auch wenn ich nicht schreibe, habe ich die Literatur immer in meiner Hosentasche."

Das erste Mal fremd im eigenen Land

Anders als seine Eltern ist Dinçer Güçyeter in Deutschland geboren. "Ich habe kein anderes Land", sagt der Nettetaler, doch er weiß um die innere Zerrissenheit der Generation seiner Eltern, wenn es um das Heimatland geht. In seinem Buch beschreibt Güçyeter die Angst, nicht genug zu sein, nicht genug zu leisten für die Gesellschaft, aber auch die Angst vor rassistischen Übergriffen. "Solingen war für uns alle ein Cut" sagt er über den Brandanschlag von 1993 mit fünf Toten. Rechtsextreme Plakate mit Worten wie "Gute Heimkehr" neben einer Frau mit Kopftuch und Koffer in der Hand taten ihr Übriges. "Da habe ich überlegt, das könnte auch meine Mutter sein. Mit diesen Plakaten habe ich mich das erste Mal in meinem eigenen Land, in Deutschland, fremd gefühlt."

Ich bin im Grunde Lyriker. In Gedichten mich zu verlieren – darauf freue ich mich.

Dinçer Güçyeter über seine Herzenssache

Wenn diskutiert wird, ob autobiografische Romane derzeit zu viel Aufmerksamkeit bekommen, entgegnet Güçyeter, dass es diese Schreib-Tradition schon seit der Antike gibt. Oft denkt er, dass jeder Text ein bisschen autobiografisch ist: "Weil unsere Fantasien auch dazu gehören. Unsere Träume!" In der Fabrik hat er gelernt, stark zu bleiben und Ellenbogen zu zeigen. Nach seinem Debütroman und der langen Lesereise freut er sich nun wieder auf das Gedichteschreiben: "Das fehlt mir gerade. Ich bin im Grunde Lyriker. In Gedichten mich zu verlieren – darauf freue ich mich."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 28. November 2023, 18:05 Uhr

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