Im Porträt Daniel Kehlmann über sein neues Buch "Lichtspiel"

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Schriftsteller Daniel Kehlmann schaut in die Kamera
Daniel Kehlmann schreibt in seinem neuen Roman "Lichtspiel" über den Filmregisseur Wilhelm Pabst im Dritten Reich. Bild: Heike Steinweg

Mit seinem bekanntesten Werk "Die Vermessung der Welt" hatte er 2005 "Harry Potter" von Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste verdrängt und sich weltweit einen Namen gemacht. Seitdem gilt Schriftsteller Daniel Kehlmann als "Meister historischer Romane". Er kann aber auch den aktuellen Zustand der Welt vermessen und bringt sich ein in gesellschaftliche Debatten. Aktuell steht sein neuer Roman "Lichtspiel" in den Verkaufsregalen.

Schriftsteller Daniel Kehlmann schaut in die Kamera
Daniel Kehlmann schreibt in seinem neuen Roman "Lichtspiel" über den Filmregisseur Wilhelm Pabst im Dritten Reich.

Gesprächszeit Warum Daniel Kehlmann keine Angst vor künstlicher Intelligenz hat

Mit "Die Vermessung der Welt" gelang Daniel Kehlmann einst ein Millionen-Bestseller. In "Lichtspiel" schreibt er nun über Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst im Dritten Reich.

Bild: Heike Steinweg

Auch Daniel Kehlmanns neuer Roman "Lichtspiel" ist ein historischer Roman. Er beschreibt das Leben des österreichischen Filmregisseurs Georg Wilhelm Pabst während des Nationalsozialismus. Pabst lebte zunächst im Exil, kehrte aber 1939 nach Österreich zurück, arrangierte sich mit den Nationalsozialisten und drehte Filme im Dritten Reich. Der Roman stellt sich unter anderem die Frage, wieviel Kompromisse die Kunst machen darf: "Und auch: Was rechtfertigt große Kunst noch? Wie weit darf man gehen, wenn man argumentiert, aber es kommt ein großes Kunstwerk raus?"

Kunst oder Moral?

Viele Fragen über Pabsts Leben und vor allem dessen Beweggründe ließen sich für den Roman nicht abschließend recherchieren. Wo historische Genauigkeit fehlt, kann der Romanautor frei erfinden, so Kehlmann: "Es ist aber erfunden, um das, was ich für möglich halte, was mir an der Geschichte wichtig vorkommt, genauer herauszuarbeiten. Sonst hätte es ja gar keinen Sinn. Da ist man angewiesen auf seinen eigenen moralischen, schriftstellerischen Kompass. Wie weit kann man gehen, wie weit nicht? Da gibt es keine feste Regel."

Mein Vater hat sehr früh gesprochen über all die Onkel, Tanten und Cousins, die alle nicht mehr da waren.

Daniel Kehlmann über seine jüdischen Vorfahren

Der Roman "Lichtspiel" spielt zur Zeit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Daniel Kehlmann hat selbst jüdische Wurzeln. Sein Wiener Großvater väterlicherseits war Jude, der später zum Christentum konvertierte. Die jüdische Verwandtschaft wurde durch den Holocaust fast ausgelöscht: "Mein Vater hat sehr früh gesprochen über all die Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen aus seiner Kindheit, die alle nicht mehr da waren. Schon als ich so sechs, sieben Jahre alt war, hat er davon erzählt. Er hatte eine sehr natürliche Art davon zu erzählen. Mir ist eigentlich erst im Nachhinein klargeworden, dass er auch ein tief traumatisierter Mensch gewesen sein muss."

Aktuelle antisemitische Vorfälle

Auch die aktuellen antisemitischen Vorfälle in Deutschland und Österreich bewegen den deutsch-österreichischen Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln: "Man kann sich vorstellen, wie es in den kommenden Monaten bis Jahren immer schlimmer werden kann. Aber auf der anderen Seite gibt es auch eine Tendenz der Medien und der deutschen Öffentlichkeit bei Dingen zu hyperventilieren, wo das nicht immer der Fall sein muss. Es ist klar, dass die Lage so aufgeheizt ist, dass es fast utopisch klingt, so etwas zu sagen, aber eine generelle Rückkehr zur rationalen Betrachtung der Dinge ist sicher von allen Seiten sinnvoll."

Keine Angst vor KI

Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren als Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann und der Schauspielerin Dagmar Mettler. 1981 zog die Familie nach Wien, in die Heimat des Vaters. Daniel Kehlmann ist in einem Künstlerhaushalt aufgewachsen. Insofern bedeutete sein Berufsziel Schriftsteller keine Rebellion gegen die Eltern. Schon in der Schule hat er gute Aufsätze geschrieben: "Weil ich’s gerne gemacht habe, wurden sie wohl auch gut. Also ich habe zumindest gute Noten bekommen und den Lehrern hat es auch gefallen. Das erste Mal den Gedanken gefasst –"mein Gott, ich mach das so gern, es gibt Leute, die machen das hauptberuflich, wär das nicht schön, wenn ich einer davon sein könnte?" – das habe ich schon mit sechs oder sieben gedacht."

Literatur ist das, was die KI nicht kann. Nämlich immer den ungewöhnlichsten Text aus jeder Themenstellung zu machen.

Daniel Kehlmann über seine entspannte Haltung gegenüber Künstlicher Intelligenz

Als 30-Jähriger hatte Daniel Kehlmann dann mit "Die Vermessung der Welt" einen Sensationserfolg, auf den andere Schriftsteller und Schriftstellerinnen ihr Leben lang warten. Seine vielfach preisgekrönten Romane wurden in Dutzende Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft und einige auch verfilmt. 2021 hat Kehlmann im Silicon Valley mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) eine Kurzgeschichte geschrieben. Trotz der rasanten Entwicklung von KI fürchtet er sie nicht als Konkurrenz: "Literatur ist das, was die KI nicht kann. Nämlich immer den ungewöhnlichsten und unerwartetsten Text aus jeder Themenstellung zu machen. Das ist Literatur. Das macht ein Buch interessant. Dass man nicht weiß, was einen erwartet, dass man nicht weiß, wie der Satz wahrscheinlich weitergeht. Während die KI per definitionem darauf ausgerichtet ist, den aus einer Themenstellung wahrscheinlichsten Text, also den unliterarischsten Text, zu produzieren."

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 14. November 2023, 18:05 Uhr

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