Auf der Bühne Premiere "Der Vorfall" über sexualisierte Gewalt, Schweigen und Schuld

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Szene des Theaterstücks "Der Vorfall" am Stadttheater Bremerhaven
In "Der Vorfall" wird Sandra (Marsha Zimmermann, Mitte) regelrecht eingekreist: Linda (Julia Lindhorst-Apfelthaler, links), Dairne (Ulrike Fischer, rechts), Ray (Henning Bäcker) und Larry (Marc Vinzing, stehend). Bild: Stadttheater Bremerhaven | Heiko Sandelmann

Kein einfacher Theaterabend: Im Stück "Der Vorfall" begegnet eine Frau nach vielen Jahren einem Mann wieder, der sie damals vergewaltigt hat. Das Stück feierte Premiere im Stadttheater Bremerhaven. Inszeniert wurde es von der österreichischen Regisseurin Christina Gegenbauer.

Worum geht es?

Sandra kehrt in ihr irisches Heimatdorf zurück, um ihr Elternhaus zu verkaufen. Mit dabei ist eine Jugendfreundin und ihr Ehemann Ray. Die Stimmung kippt als Maklerin Linda und ihr Mann Larry auftauchen. Sandra ist Larry vor 20 Jahren schon einmal begegnet. Damals hat er sie auf einer College-Party vergewaltigt. Sandra erinnert sich – aber schweigt zunächst. Und als sie endlich spricht, kommen all die Fragen der anderen: War Sandra nicht betrunken damals? Warum hat sie so lange geschwiegen? Und will sie jetzt wirklich das Leben des Täters – und vielleicht sogar das ihrer eigenen Familie zerstören?

Szene des Theaterstücks "Der Vorfall" am Stadttheater Bremerhaven
Das Bühnenbild für der "Der Vorfall" am Stadttheater Bremerhaven ist eher spartanisch. Bild: Stadttheater Bremerhaven | Heiko Sandelmann

"Der Vorfall" ist ein eindringliches Stück über sexualisierte Gewalt, Schweigen und Schuld. Geschrieben hat es die irische Autorin Deirdre Kinahan. Das Schweigen – so Kinihan – stehe im Mittelpunkt, weil es unglücklicherweise die Lieblingsreaktion der "Überlebenden" und der Täter sei.

Was gab es zu sehen?

Das Geschehen spielt sich im Wohnzimmer von Sandras Elternhaus ab. Ein Sofa, ein Kamin, ein Tisch mit einer Flasche Wein und vier Gläsern. Viel mehr steht nicht auf der großen Bühne im Bremerhavener Stadttheater. Eine altbackene Stehlampe wirft warmes schummriges Licht auf die Wohnzimmeridylle. Der Rest dahinter liegt im Dunkeln. Doch das Dunkel lauert, pulsiert und arbeitet – wie die Klänge, die Nicolaj Efendi für das Stück komponiert hat.

Was sagt unsere Kritikerin?

Szene des Theaterstücks "Der Vorfall" am Stadttheater Bremerhaven
Die Darstellenden spielen ihre Rollen überzeugend. Bild: Stadttheater Bremerhaven | Heiko Sandelmann

Sandra-Darstellerin Marsha Zimmermann überzeugt auf ganzer Linie. Anfangs klammert sie sich noch an ihren Ehemann Ray. Später sieht sie ihrem Vergewaltiger in die Augen und schmettert ihm die Wahrheit ins Gesicht. Die Körpersprache der Darstellenden ist demonstrativ. Wenn Larry – möglichst im Passiv formulierend – sagt, dass es ihm leidtue, was Sandra passiert sei, drehen sich die Figuren auf der Bühne im Kreis. Wenn Sandra von der Nacht erzählt, in der Larry sie vergewaltigte, wenden sich die anderen von ihr ab.

Die Vergewaltigung geschah in der "Rathmines Road" – und so lautet auch der Originaltitel des Theaterstücks. Der deutsche Titel "Der Vorfall" klingt dagegen etwas verschlüsselt. Dabei ist die Bremerhavener Inszenierung alles andere als verschlüsselt – sondern fast grausam klar. Ja, es ist ein anstrengender Theaterabend – gerade weil die Darstellenden ihre Rollen so überzeugend spielen. Und am Ende steht die bittere Frage, ob schweigen nicht doch einfacher gewesen wäre.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. Februar 2024, 09:40 Uhr.

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