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Die Nacht

Im Porträt Tobias Schlegl hat als Notfallsanitäter noch mal neu angefangen

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Tobias Schlegl, Musiker, Moderator, Autor sowie Notfallsanitäter, trägt bei einem Fototermin eine Rettungsdienstjacke.
Für seine Ausbildung zum Notfallsanitäter beim DRK hat Tobias Schlegl seinen Job als "Aspekte"-Moderator beim ZDF gekündigt. Bild: DPA | Georg Wendt

Als Moderator bei "Aspekte" im ZDF und beim Satiremagazin "extra3" im NDR hatte Tobias Schlegel eigentlich einen guten Job. Doch mit Ende 30 hat er noch einmal alles in Frage gestellt – und noch mal neu angefangen. Drei Jahre drückte er die Ausbildungsbank als Notfallsanitäter im Rettungsdienst. In seinem Buch "Schockraum" hat er seine Erlebnisse verarbeitet.

Gesprächszeit "Was gibt es Relevanteres, wenn du nur einem das Leben retten kannst?" - Tobias Schlegl

Mit Ende 30 hat Moderator Tobias Schlegl noch einmal alles in Frage gestellt. Er kündigte und machte eine Ausbildung zum Notfallsanitäter im Rettungsdienst.

Tobias Schlegl, Musiker, Moderator, Autor sowie Notfallsanitäter, trägt bei einem Fototermin eine Rettungsdienstjacke.
Bild: DPA | Georg Wendt
Bild: DPA | Georg Wendt

Ein Notfallsanitäter bekommt wegen eines traumatischen Einsatzes sein eigenes Leben nicht mehr richtig auf die Reihe – darin geht es in "Schockraum", dem Roman von Tobias Schlegl, der sich in seiner Ausbildung gefragt hat: Was wäre gewesen, wenn mir keiner nach einem traumatischen Einsatz geholfen hätte? Was wäre gewesen, wenn ich mit einer posttraumatischen Belastungsstörung hätte leben müssen?: "Dieses Buch habe ich gebraucht als Therapie, um bestimmte Einsätze zu verarbeiten", fasst der heutige Notfallsanitäter zusammen.

Schülersprecher, Zauberer, Viva-Moderator

Lust auf Aufmerksamkeit hatte Tobias Schlegl schon immer: Als Jugendlicher organisierte er ein "Rock gegen Rechts"-Festival, er war Schülersprecher und trat als Zauberer auf. Beim Musiksender Viva suchte der Punk-Musik-Fan dann die große Öffentlichkeit. Das war Ende der 90er – die Zeit der Boygroups: "Das war schon eine sehr, sehr hysterische Zeit. Es gab Tage, da haben Mädels vor dem Haus meiner Eltern so ein Camp aufgeschlagen und sind da nicht mehr weggegangen und haben da zum Teil übernachtet, weil sie wollten, dass ich rauskomme, mit ihnen quatsche und Zeit mit ihnen verbringe."

Moderator mit großem Gerechtigkeitsempfinden

Tobias Schlegl wurde Moderator beim NDR-Satiremagazin "extra3" und bei "Aspekte" beim ZDF. Er nutzte seine Popularität, um auf umweltpolitische oder soziale Fragen aufmerksam zu machen, und er arbeitete im Rat für nachhaltige Entwicklung mit. Ein großes Gerechtigkeitsempfinden trieb ihn an: "Ich habe tatsächlich immer die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Das hört sich total banal an, aber ich wusste, da läuft einiges verkehrt und man muss sich engagieren. Das konnte ich aber nie als Hauptjob machen. Mein Hauptjob war ja immer Moderator. Da kann man auch Themen setzen und kann auch viele interessante Leute kennenlernen, aber irgendwann hat mir das nicht mehr gereicht. Ich habe immer die Frage in meinem Kopf gehabt, die lauter geworden ist: Du präsentierst interessante Leute – was machst du eigentlich?"

Auf der Suche nach einem Neuanfang

Bei Tobias Schlegl nahte zu diesem Zeitpunkt der 40. Geburtstag – die Lebensmitte.  Er wollte etwas Neues wagen und spürte die Angst, dass er sich nach diesem entscheidenden Datum nicht mehr trauen würde: "Diese Stimme ist wirklich immer lauter geworden, sodass ich sie nicht mehr ignorieren konnte." Tobias Schlegl kündigte seinen gut bezahlten Job beim ZDF und begann eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter.

Es war erst mal eine Art Schock, in diese Welt einzutauchen.

Tobias Schlegl über seinen Start als Notfallsanitäter

Man verliert oft gegen Tod, sagt er heute. Öfters als man ihn gewinnt: "Es war erst mal eine Art Schock, in diese Welt einzutauchen. Überhaupt, Kontakt mit dem Thema Tod zu haben. Das hat vorher in meinem Leben überhaupt keine Rolle gespielt. Und nach zwei, drei Wochen habe ich meinen ersten toten Menschen gesehen auf dem Boden."

Hilfe annehmen: ein Lernprozess

Doch nicht nur der Tod setzte ihm zu. Schlegl traf auch auf viele menschliche Schicksale und viel Einsamkeit. In der Mitte seiner Ausbildung kam der heute  43-Jährige an einen Punkt, an dem er innerhalb kürzester Zeit mehrere schwere Einsätze zu fahren hatte:  Ein Patient verstarb im Rettungswagen, ein Kind hatte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, ein junger Patient musste ins Hospiz gebracht werden: "Ich hatte keine Zeit mehr, dies für mich zu verarbeiten. Da ging es mir richtig schlecht", so Schlegl. Ein Kollege merkte das und rief für Schlegl das Kriseninterventionsteam. "Ich hatte das Glück, dass das ein Kollege erkannt hat. Ich selber wäre nicht aufgestanden und hätte gesagt "Ich brauche Hilfe“. Und so denken leider auch viele andere Kollegen – Männerdomäne und so – man zeigt keine Schwäche, man zeigt keine Gefühle."

Ich hatte das Glück, dass das ein Kollege erkannt hat. Ich selber wäre nicht aufgestanden und hätte gesagt "Ich brauche Hilfe".

Tobias Schlegl über seine erste tiefe Krise im Rettungsdienst

In seinem Buch "Schockraum" schildert Schlegl Rettungseinsätze, die ziemlich deckungsgleich mit seinen eigenen Erfahrungen sind. Der Job, sagt er, ist erfüllend, aber die Arbeitsbedingungen sind katastrophal. Und das prangert er auch an, da kann er nicht still sein, da kommt der Klassensprecher wieder raus. Heute arbeitet er zur Hälfte als Moderator und zur Hälfte im Rettungsdienst. Sein Fazit? "Ich würde total gerne 100 Prozent Rettungsdienst fahren. Aber es geht nicht. Würde ich das jetzt machen, zwei, drei Jahre, wäre ich komplett verbrannt und raus. Dann würde ich gar nicht mehr fahren."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 3. November 2020, 18:05 Uhr