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Der Morgen mit Stefanie Pesch

Landwirtschaft ohne Pestizide: Im indischen Sikkim gibt's nur bio

Autoren

Eine Bio-Bäuerin in Sikkim, Indien
Frau Sherpa ist eine der Bio-Bäuerinnen in Sikkim. Für eine Fernseh-Dokumentation begleitet sie ein Kamerateam, das im Hintergrund zu sehen ist. Bild: Bernward Geier

Es klingt wie eine radikale Vision von Naturschützern: eine Landwirtschaft komplett ohne chemisch-synthetische Pestizide und Mineral-Düngemittel. Es gibt aber eine Region, da ist das längst mehr als ein Traum: Im indischen Bundesstaat Sikkim arbeiten die Bauernfamilien schon seit Jahren ökologisch. Der Ökolandbau-Experte und Autor Bernward Geier war im Auftrag internationaler Verbände für Nachhaltigkeit mehrfach vor Ort, um das Projekt zu bewerten.

Schwerpunkt Unser täglich Gift gib uns heute: Pestizide

Gibt es einen gesunden Umgang mit Pestiziden? Dieser Frage gehen die Bremen-Zwei-Reporter Claudia Scholz und Nikolas Golsch in diesem Podcast nach.

Audio vom 25. Mai 2021
Getreideähren und Gefährundungszeichen mit Totenkopf, Symbolfoto für den Einsatz von Pestiziden
Bild: Imago | Christian Ohde
Bild: Imago | Christian Ohde
In Sikkim mussten 65.000 Bauern überzeugt und umgeschult werden. Das klingt nach einem gewaltigen Kraftakt. Wie konnte das gelingen?
Zum einen ist die Ausgangslage in Sikkim ganz gut. Dort wurden Pestizide nicht massiv in der Landwirtschaft genutzt. Das ist noch sehr traditionell, für uns unter unvorstellbaren Bedingungen, kleine Betriebe, viele an Steilhängen. Dazu kommt sicher auch die Mentalität und Einstellung der Leute. Es sind größtenteils Buddhisten, die sehr große Achtsamkeit gegenüber der Natur haben. Und die muss man nicht groß überzeugen und schon gar nicht zwingen.

Es gibt aber noch eine entscheidende Sache: Das war der politische Wille. Es gab einen visionären Ministerpräsidenten, ein Bauernsohn mit "nur" sieben Jahren Schulbildung. Und der hatte die Vision und die Überzeugungskraft, seine Leute mitzunehmen und natürlich die Bauern, diesen großen Schritt zu wagen.
Stehen die Bauern wirklich alle hinter diesem Projekt?
Ich bin sehr intensiv durch das Land gereist, auch in die höchsten, abgelegensten Bergdörfer, wo man zum Teil nur hinlaufen kann. Und ich habe nur zufriedene Bauern gesehen. Nur Bauern, die für den biologischen Landbau fast brannten, die genau wussten, was sie tun. Und das war äußerst mitreißend. Ich habe in über 100 Ländern Biobauern und -bäuerinnen kennengelernt. Ich habe wirklich nie unisono so glückliche und zufriedene Menschen gesehen.
Kunstdünger darf auf den Felder nicht mehr eingesetzt werden: Wie stellen die Leute sicher, dass die Ernte auch wirklich ertragreich ist?
Biolandbau heißt ja nicht nur, Chemie wegzulassen und nichts zu tun. Biolandbau ist eine andere Art der Landwirtschaft. Und statt synthetisch und künstlich gegen die Natur zu arbeiten, arbeiten die Bauern mit der Natur. Was hervorragend funktioniert, ist das mittlerweile hervorragende Wissen der Bauern über Kompostherstellung, den eigenen Dünger herzustellen. Was in Sikkim zur Hochkultur entwickelt wurde, ist die Wurmkultur. Da habe ich fast in jedem Betrieb fantastische Beispiele gesehen – und bei der Bodenfruchtbarkeit wird man neidisch.
Sind die Lebensmittel in Sikkim durch die Umstellung teurer geworden? Können sich die Menschen das noch leisten?
Das Problem ist ja nicht, dass bio zu teuer ist. Das Problem ist, dass die konventionellen Lebensmittel nicht die tatsächlichen Kosten im Preis erkennbar machen. Das heißt, was wir an der Kasse am Supermarkt bezahlen, ist nicht das, was das Lebensmittel tatsächlich gekostet hat. Das ist insofern wichtig, weil das natürlich ein Stück weit auch in Sikkim gilt, dass die Bio-Preise etwas höher sind.

Ich habe das recherchiert, das sind zwischen zehn und zwanzig Prozent Mehrkosten. Das Dilemma wurde aber gelöst, indem der Chief Minister etwas ganz Radikales gemacht hat: Und zwar hat er den Import von konventionell, sprich mit Kunstdünger und Pestiziden erzeugtem Obst und Gemüse weitgehend verboten, da, wo es möglich war. Dadurch hat er einen fairen Wettbewerb geschaffen, so dass jetzt nicht billige Importware im Wettbewerb mit den vor Ort erzeugten regionalen Bio-Produkten steht.
Ein Argument, das wir häufiger gehört haben, war, dass es nur deshalb so gut läuft in Sikkim, weil da Arbeit weniger kostet als hier. Ist das wirklich ein ausschlaggebender Grund?
Das ist richtig, aber kein zentraler Grund, dass es dort läuft, und bei uns nicht. Dort wird Arbeit natürlich anders gerechnet, es gibt auch viele Familienbetriebe. Das sind zwei, drei Generationen, die die Höfe bewirtschaften. Wichtiger sind aber die Motivation, die mentale Einstellung und die politischen Rahmenbedingungen. Und deswegen läuft es bei uns nicht so gut, weil wir nicht die politische Bereitschaft derer haben, die regieren, die Agrarwende wirklich umzusetzen.
Ein Argument gegen Biolandbau ist ja oft, dass da die Erträge nicht ganz so hoch sind. Wie ist das in Sikkim? Reichen die Erträge für alle Menschen?
Nein, Sikkim kann sich nicht selbst versorgen. Es ist ein sehr beliebtes Land für Touristen. Es gibt Reisanbau, aber lange nicht in den Mengen, wie es gebraucht wird. Also sind sie auf Nahrungsmittel-Import angewiesen. Aber grundsätzlich kann man mit Fug und Recht und auch mit wissenschaftlicher Evidenz nachweisen, dass die weltweite Ernährung mit Biolandbau auf jeden Fall gesichert ist. Es würde reichen, wenn wir verhindern könnten, dass wir so viel wegwerfen. Dann wären sofort genug Lebensmittel da. Wir produzieren heute schon Lebensmittel für zwölf Milliarden Menschen. Hunger haben die Leute, die sich Lebensmittel nicht leisten können. Nicht, weil sie nicht da sind.
Wir haben jetzt viel über Sikkim gehört. Wenn wir jetzt das Bundesland Bremen nehmen – beide Länder haben etwa 600.000 Einwohner. Sikkim hat 65.000 Landwirte, Bremen gerade mal 145. Da müsste es hier doch eigentlich ein Kinderspiel sein, diese 145 Landwirte umzuschulen und zum Bio-Anbau zu bringen. Oder?
Übertragbar ist das weder für Bremen noch sonstwo in der Welt. Aber es kann uns inspirieren und motivieren. Und wir können dort ganz viel lernen. Die Voraussetzungen sind einfach ganz anders.

Aber in der Tat: In so einer kleineren Struktur, wo vielleicht der politische Rahmen und die Voraussetzungen günstig sind, hätte Bremen die Chance, zu sagen: Hey, unser Ziel ist es, erstes Bundesland in Deutschland zu sein, das sich zumindest mal auf den Weg macht zu hundert Prozent. Aber da müssen die Bauern mitziehen. Das kann man nicht per Dekret machen. Man muss die Landwirte mitnehmen. Ein staatlich verordneter Zwang zu Biolandbau wird in einer Katastrophe enden.
Wenn wir hier in Bremen 100 Prozent bio haben wollen, dann müssten wir ja auch den Import streng kontrollieren. Das stelle ich mir leichter vor in Sikkim, im Himalaya, als in Bremen.
Richtig, das ist nicht unbedingt der Weg, der hier passt. Man kann ja auch die Leute nicht zwingen, Bio zu kaufen. Man ist ja ruckzuck aus Bremen rausgefahren, um dann woanders auf der grünen Wiese einzukaufen, wenn man diese finanziellen Aufwendungen nicht aufbringen will oder kann.
In Indien ziehen mittlerweile auch andere Bundesstaaten mit. Wo könnte denn bei uns in Europa eine geeignete Modellregion sein, um das umzusetzen?
Im Alpenraum haben wir ja schon 50 bis 60 Prozent Biolandbau in einzelnen Kanton oder Bundesländern. Da ist man schon halb den Sikkim-Weg gegangen. In der Schweiz steht ein Volksentscheid an, da geht es um 100 Prozent Pestizidfreiheit in zehn Jahren. Oder Dänemark, wo jeden Tag 80.000 öffentliche Mahlzeiten zu 95 Prozent bio sind.

Machbar ist es überall, und gemacht werden muss es meiner Meinung nach überall. Wir können uns diese Art von Landwirtschaft nicht weiter erlauben, die auf Agrarchemie und Kunstdünger setzt, der ganz, ganz viel Energie braucht, um erzeugt zu werden. Da ist eine ganz große Veränderung gefragt. Ich bin als Optimist und Ökologe überzeugt: Sie wird kommen.





Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Schwerpunkt, 25. Mai 2021, 18 Uhr