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"Menschen wachen nicht morgens auf und sind plötzlich radikal"

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"Verschwörungsideologie" steht auf einer roten Computertaste (Symbolbild)
Viele Menschen kommen zuerst im Internet mit Verschwörungsideologien in Kontakt. Auch Chat-Gruppen bei Telegram und Whatsapp gelten mittlerweile Motor für die Radikalisierung. Bild: Imago | Panthermedia

Die Querdenken-Bewegung stellt die Anti-Corona-Maßnahmen in Frage. Doch wann kippt Kritik in eine Verschwörungserzählung? Netzaktivistin Katharina Nocun erklärt.

Corona-Kritiker wie die Anhänger*innen der "Querdenken"-Bewegung verschaffen sich im Netz und bei Demonstrationen in vielen Städten Gehör. Auch in Bremen gibt es eine aktive Gruppe. Manche der Corona-Kritiker*innen driften von berechtigter Kritik an aktuellen Maßnahmen schnell Richtung Verschwörungserzählungen und -ideologien. Katharina Nocun erklärt die Zusammenhänge.

Bremen Zwei: Frau Nocun, was macht Menschen empfänglich für Verschwörungstheorien?
Katharina Nocun: Es gibt da die unterschiedlichsten Geschichten, die hinter einer derartigen Radikalisierung stehen. Wir wissen aus der Forschung, dass einige Menschen eher dazu neigen, Muster zu sehen, wo keine sind, wenn sie das Gefühl haben, ihnen entgleitet die Kontrolle über ihr Leben.

Das kann bei Trennungen oder Jobverlusten, aber auch bei wirtschaftlichen oder politischen Unsicherheiten der Fall sein. In solchen Lebensphasen sind viele Menschen anfällig für Verschwörungserzählungen.

Diese Leute meinen dann, sie gehörten zu den wenigen Erleuchteten, die eine angebliche Wahrheit gefunden oder eine Verschwörung aufgedeckt haben.

Katharina Nocun
Katharina Nocun, Netzaktivistin
Bremen Zwei: Was hat das mit der Corona-Krise zu tun?
Katharina Nocun: Das Privatleben hat sich komplett verändert, weil man beispielsweise Freunde oder die Oma nicht mehr oder nur eingeschränkt sehen kann. Bei Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, herrscht oft ein sehr düsteres Weltbild vor. Dabei geht es um Endzeit-Szenarien, in denen die Gesellschaft von einigen wenigen kontrolliert wird.

Diese Leute meinen dann, sie gehörten zu den wenigen Erleuchteten, die eine angebliche Wahrheit gefunden oder eine Verschwörung aufgedeckt haben. Sich als etwas Besonderes zu fühlen, macht diese Mythen zusätzlich attraktiv: Gerade wenn das Leben sonst wenig positives Feedback bereit hält oder man wenig Selbstwirksamkeit empfindet, dann ist das Demaskieren der vermeintlichen Verschwörer eine Art Heldengeschichte, die man sich selbst erzählt.
Bremen Zwei: Aber wie rutscht man in diese Kreise?
Katharina Nocun: Alles ist möglich. Ein Aspekt sind politische Radikalisierungsgeschichten, wenn sich beispielsweise Menschen einer rechtsextremen Partei anschließen und dort Mythen über einen angeblichen Bevölkerungsaustausch und die jüdische Weltverschwörung hören.

Aber Menschen wachen nicht morgens auf und sind plötzlich radikal. Das ist eine schrittweise Entwicklung. Gerade, wenn die ersten Berührungspunkte im Netz sind, spielen Influencer oder Empfehlungsalgorithmen auf Videoplattformen eine große Rolle, wodurch man mit immer radikalerem Content in Berührung kommt.
Bremen Zwei: Passiert so etwas nur im Internet?
Katharina Nocun: Es gibt eine vielfältige Szene, online und offline, in der Verschwörungsmythen eine große Rolle spielen. In der Esoterikszene wird der Wirksamkeit von angeblich magischen Heilmethoden wie Handauflegen vertraut und die Wissenschaft nicht anerkannt, was oft mit einer angeblichen Medizin- oder Pharmaverschwörung begründet wird.

Dieser Berührungspunkt zum Verschwörungsdenken existiert in diesem Milieu schon länger. Man geht in der Esoterik oft davon aus, dass es eine Einteilung der Welt in Gut und Böse gibt und dass es verborgene Wahrheiten gibt. Teile dieses Spektrums haben auch bei den "Querdenken"-Demonstrationen mobilisiert.

Die Vorstellung, dass gebildete Menschen nicht auf Verschwörungsmythen reinfallen, ist falsch.

Katharina Nocun
Katharina Nocun, Netzaktivistin
Bremen Zwei: Das ist ja aber nur ein Teil dieser sehr vielschichtigen Protestbewegung. Wie passen diese ganzen Gruppen zusammen?
Katharina Nocun: Wenn man sich anschaut, wie das Milieu der Verschwörungsideologen strukturiert ist, passt das sehr gut zusammen. Der Glaube an Verschwörungsmythen ist ein Phänomen, das sich quer durch die Gesellschaft zieht. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Affinität für solche Erzählungen unter AfD-Wählern besonders hoch ist – ähnlich ist es auch bei Anhängern vergleichbarer Parteien in anderen Ländern.

Man kann aber nicht sagen, dass Verschwörungsmythen nur in der rechten Szene verfangen. Auch die Vorstellung, dass gebildete Menschen nicht auf Verschwörungsmythen reinfallen, ist falsch. Unter den Querdenken-Unterstützern finden sich viele studierte Leute, die auf Mythen reinfallen oder sie verbreiten. Was diese diversen Gruppen eint, sind die gemeinsamen Feindbilder: die Medien, die Wissenschaft und die Politik.
Bremen Zwei: Wie ist die Protestbewegung aus Ihrer Sicht damit einzuordnen?
Katharina Nocun: Gerade inmitten einer Pandemie braucht es auch eine kritische Diskussion über staatliche Maßnahmen. Ich finde es aber problematisch, dass die sogenannten "Corona-Kritiker" vermehrt versuchen, systematisch Wissenschaft zu delegitimieren.

Selbst wenn Untersuchungen absolut transparent durchgeführt worden sind, werden sie abgetan, wenn das Ergebnis nicht zum Mythos passt. Sie stellen Wissenschaft insgesamt infrage, nicht nur die Schlüsse, die aus Studien gezogen werden.
Bremen Zwei: Ist die Querdenken-Bewegung eine Verschwörungsbewegung?
Katharina Nocun: Ich würde davon ausgehen, dass Verschwörungsideologien eine sehr große Rolle unter Organisatoren, Unterstützern und Teilnehmern spielen. Wenn ich auf einer Demo bin, wo auf der Bühne ein bekannter Verschwörungsideologe aus den USA spricht, dann mache ich mich damit gemein.

Außerdem gab es vielerorts keine klare Abgrenzung zur rechtsextremen Szene. Dabei war den Organisatoren bereits im Vorfeld klar, dass die rechtsextreme Szene inklusive rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien für diese Demos mobilisiert.

Rechtsextremisten nutzen Verschwörungsmythen ganz bewusst für ihre Mobilisierung.

Katharina Nocun
Katharina Nocun, Netzaktivistin
Bremen Zwei: Diese Nähe zur rechtsextremen Bewegung bestreichen zahlreiche Corona-Kritiker. Ist das Kalkül oder sehen sie das wirklich nicht?
Katharina Nocun: Natürlich will sich ein Verschwörungsideologe nicht als solcher, sondern als Entdecker der Wahrheit oder Teil eines "demokratischen Widerstands" sehen. Viele denken, sie verträten die Meinung der Mehrheit. Dabei finden laut einer Umfrage maximal zehn Prozent der Bevölkerung derartige Events unterstützenswert.

Letztlich wird das Gedankenkonstrukt so hingebogen, dass der Glaube vorherrscht: Jeder, der mir widerspricht, ist durch eine Verschwörung gesteuert oder unterstützt diese. Dass man dabei mit Gruppen und Menschen auf die Straße geht, die sich offen für einen neuen Faschismus aussprechen, ist vor diesem Hintergrund umso dramatischer. Rechtsextremisten nutzen Verschwörungsmythen ganz bewusst für ihre Mobilisierung.
Ein Anti-Corona-Schild wird auf einer Demo von einem Mann hochgehalten. (Symbolbild)
Von der Kritik an der Maskenpflicht bis zu Verschwörungsideologien ist der Weg manchmal erstaunlich kurz. Bild: Imago | Andreas Haas
Bremen Zwei: Heißt das, aus deren Sicht muss jede gegenteilige Meinung direkt fremdgesteuert sein?
Katharina Nocun: Der Verschwörungsglaube entfaltet eine Immunisierungsfunktion innerhalb politischer Gruppierungen. Besonders gut sieht man das in den USA, wo Donald Trump seit Jahren jene Medien, die unangenehm über ihn berichten, als sogenannte "Fake News" stigmatisiert.

Wenn seine Anhänger dann glauben, dass Medien von einer angeblichen Verschwörung gesteuert würden, werden sie auch den besten Faktenchecks keinen Glauben schenken. So können auch Sekten oder rechtsextreme Gruppen Kontrolle darüber ausüben, welches Weltbild Anhängerinnen und Anhänger haben. Man kann sich vor Kritik abschirmen.
Bremen Zwei: Lässt sich das auch auf die Querdenken-Bewegung hier in Deutschland anwenden?
Katharina Nocun: Auf eine gewisse Weise schon: Das große Narrativ zahlreicher Gruppierungen ist, dass sie für die Mehrheit und für die Demokratie stehen, der Rest für eine angebliche Diktatur. Wenn ich aber jemanden als Feind markiere, bin ich nicht mehr an einer inhaltlichen Auseinandersetzung interessiert.

Wer in Telegramgruppen diskutiert, wie man Regierungsmitarbeiter am besten hängen soll und dass man am besten alle Journalisten an die Wand stellt, sollte mit dem Label "demokratisch" sehr vorsichtig sein. In einigen verschwörungsideologischen Gruppierungen, die auch für die Demonstrationen mobilisiert haben, wurden in den letzten Monaten vergleichbare Aussagen getätigt.
Bremen Zwei: Sind diese Gruppierungen aus Ihrer Sicht eine echte Gefahr?
Katharina Nocun: Die Verbreitung dieser Erzählungen kann dazu beitragen, dass das Fundament von Demokratie zersetzt wird. Eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren von Demokratie ist, sich auf grundsätzliche Wahrheiten und Grundregeln zu einigen, beispielsweise der Wissenschaft zu vertrauen, Pressefreiheit, Bereitschaft für argumentative Auseinandersetzung. All das lehnen Verschwörungsideologen ab. Das müssen wir als Bedrohung durchaus ernst nehmen.
Schild "Masken auf, Nazis raus" auf einer Anti-Corona-Demo. (Symbolbild)
Katharina Nocun empfiehlt, sofort zu widersprechen, wenn Verschwörungsmythen im eigenen Umfeld geteilt würden. Antisemitismus und Rassismus sollten immer eine rote Linie sein. Bild: Imago | Joachim Sielski
Bremen Zwei: Wo kippt Kritik denn in Verschwörung?
Katharina Nocun: Problematisch wird es dann, wenn unbewiesene Spekulationen plötzlich als Wahrheit dargestellt und alle Gegenbeweise ignoriert werden. Damit verrennt man sich in ein Weltbild, in dem man nicht mehr bereit für eine Diskussion ist.

Problematisch sind auch stark polarisierte Ideologien, in denen es nur noch schwarz und weiß und keine Zwischentöne mehr gibt. Da heißt es schnell: Entweder bist du für uns oder Teil der Verschwörung. Wenn wir uns nicht mehr über grundlegende Fakten in einer Demokratie einig werden können, dann werden wir sehr schlechte Entscheidungen treffen.

Wichtig ist, sofort zu widersprechen, wenn diese Mythen im eigenen Umfeld verbreitet werden.

Katharina Nocun
Katharina Nocun, Netzaktivistin
Bremen Zwei: Wie dringt man zu diesen Menschen durch?
Katharina Nocun: Je stärker jemand in so einem Glauben drin ist, desto drastischer sind die Auswirkungen: Jeder, der widerspricht, wird als Feind angesehen, je mehr widersprochen wird, desto mehr glaubt man, Teil einer unterdrückten Minderheit zu sein. Als Außenstehender logisch oder mit wissenschaftlichen Fakten zu argumentieren, wird bei einer stark fortgeschrittenen Radikalisierung meist nicht mehr funktionieren. Zu Beginn können Faktenchecks aber durchaus helfen.

Die größten Chancen haben Angehörige und Freunde, die schon vorher eine emotionale Beziehung zu der betroffenen Person hatten. Zielführend ist meist ein sachliches und ruhiges Vier-Augen-Gespräch. Man kann einerseits Empathie für die Ängste des Gegenübers signalisieren und gleichzeitig klar sagen: "Ich sehe das anders, und weil ich das anders sehe mache ich mir Sorgen um dich." Wichtig ist, sofort zu widersprechen, wenn diese Mythen im eigenen Umfeld verbreitet werden – bei Gegenrede geht es schließlich auch um die stillen Zuhörer oder Mitleser. Bei Antisemitismus oder Rassismus sollte immer eine deutliche rote Linie gezogen werden.

Podcast zum Thema:

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 22. Oktober 2020, 6:40 Uhr