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Die Nacht

Im Porträt Wie Maurice Morell in einer Suppenbude auf Sylt das Glück fand

Autoren

Maurice Morell steht an seinem Suppenwagen mit der Aufschrift: Sylter Suppen
"Kurz vor Kitsch", sagt Maurice Morell über seinen Verkaufswagen. Bild: Harper Collins Verlag | Heide Lindemann

Sich neu erfinden, alles hinter sich lassen – genau das hat Maurice Morell gemacht. Aus einem historischen Suppenwagen heraus verkauft der ehemalige PR-Manager Suppen auf Sylt. 80 bis 120 Teller pro Tag wandern im Sommer über den Tresen seines Verkaufsfensters.

Gesprächszeit "Ich hab‘ nen Kultsuppenwagen auf Sylt" – Maurice Morell

Aus einem historischen Wagen heraus verkauft Maurice Morell Suppen auf Sylt. 80 bis 120 Teller pro Tag wandern über seinen Verkaufstresen.

Maurice Morell schreibt auf seine Suppentafel an seinem Suppenwagen
Bild: Harper Collins Verlag | Heide Lindemann
Bild: Harper Collins Verlag | Heide Lindemann

Fantasie, Spielfreude und Kreativität – diese Eigenschaften wurde Maurice Morell, dem Künstlersohn aus Worpswede, quasi in die Wiege gelegt. Er arbeitete als Werbeleiter für große Musicalproduktionen, als Grafikdesigner und als PR-Manager in der Werbung. Seine intensive und kreative Arbeit in den 90ern genoss Morell sehr, aber dann platzte im Jahr 2000 die "Dotcom"-Blase an der Börse. Beruflich stand er am Abgrund: "Das war unfassbar, ich hab‘ mich quasi selbst entlassen als den letzten." Auch privat lief es nicht besser: Es folgte die Scheidung von seiner Frau und der Auszug aus dem Eigenheim in einen Campingwagen.

Raus aus der Lebenskrise am Sylter Sandstrand

Maurice Morell berappelte sich, aber er wusste: "Es geht nicht weiter wie bisher." Er befreite sich von materiellen Lasten und ließ sich von seinem Bruder nach Sylt locken. Sein erster Job: einen alten Leuchtturm restaurieren. Mit Dienstleistungen unter der Sonne lebte er sich weiter auf der Insel ein. Eisverkäufer oder Strandkorbvermieter sein – das macht er auch heute immer noch gerne. Aber weil man auf einer Nordseeinsel im Winter Zeit zum Nachdenken hat, überlegte Morell, wie er sich ein zweites Standbein aufbauen könnte: "Ich kam auf die Idee: 'Maurice, mach doch mal so einen Suppenwagen auf. Ist doch witzig! Du bist doch gerne Gastgeber, das schmeckt, ist einfach, ist was auf die Hand!'"

Ich war gerade eingeparkt, da stand ein Tester vor mir, von einem Feinschmecker-Magazin.

Maurice Morell über den schnellen Erfolg seiner Suppenbude

Und diese Geschäftsidee schien auf der Insel noch gefehlt zu haben. Seine Premiere hatte Morell auf dem Winterzauber-Markt in Kampen und schon wenige Woche später standen Urlauber, Einheimische und Spitzenköche Schlange: "Ich war gerade eingeparkt, da stand ein Tester vor mir, von einem Feinschmecker-Magazin." Seit drei Saisons steht er nun mit seinem historischen Suppenwagen auf List und bietet täglich drei vegane Suppen an. Fast alle Zutaten – auch Wasser, Öl oder Salz – bezieht er regional.

Ich hab‘ nen Kultsuppenwagen auf Sylt – hätt‘ ich nie gedacht! Never ever!

Maurice Morell über das was er erreicht hat
Der Sylter Suppenkoch Maurice Morell blickt aus seinem Suppenwagen
Früher PR-Manager, heute Suppenkoch: Maurice Morell. Bild: Harper Collins Verlag | Heide Lindemann

Seinen historischen Wagen fand er im Cloppenburger Land. "Er war immer schon eine Ausgabestelle für Suppe, für Landarbeiter auf einem Baumschulengelände", erzählt Morell. Er schaffte ihn auf die Insel und restaurierte den Wagen in liebevoller Detailarbeit: "Es wurde immer schöner und so kurz vor Kitsch bin ich abgebogen mit dem Ding. So kurz vor Roncalli-Style". Dass er nur drei Tage pro Woche serviert, ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal in der sehr touristisch geprägten Sylter Gastro-Branche: "Unvorstellbar für viele. Aber ich mach‘ einfach nicht mehr, weil es dann anstrengend wird, es auf die Knie geht, auf den Buckel." Der Erfolg gibt ihm recht und manchmal ist auch Morell immer noch erstaunt über den Zulauf: "Ich hab‘ nen Kultsuppenwagen auf Sylt – hätt‘ ich nie gedacht! Never ever!"

Sohn des Worpsweder Künstlers Pit Morell

Sylt kennt Morell schon aus seinen Kindertagen, als er in Familienurlauben mit den Geschwistern durch die Dünen tollte. Aufgewachsen ist der gebürtige Bremer in einer Künstlerfamilie in Worpswede. Sein Vater ist der Maler und Poet Pit Morell, der vorm Haus die Staffeleien stehen hatte, in Metall stichelte oder Radierungsplatten anfertigte. "Wir hatten da alle Möglichkeiten", erzählt der 61-Jährige, aber für ihn und seine Geschwister war das natürlich ganz normal. "Die anderen waren die Spießer", ergänzt er lachend, wenn er von seinem Aufwachsen in einem offenen Haus sprach. Künstler wie Ernst Fuchs oder Friedensreich Hundertwasser gingen ein und aus, viele übernachteten spontan: "Wir waren geprägt durch andere Lebensentwürfe, durch eine ganz andere Art, sich auszuprobieren. Das waren immer Menschen, die spielerisch unterwegs waren."

Wer weiß, was ich in einem Jahr mache?

Maurice Morell über die Offenheit fürs Leben
Buchcover von Maurice Morell "Wie ich lernte meine eigene Suppe zu kochen"
Maurice Morell: "Wie ich lernte meine eigene Suppe zu kochen" Bild: Harper Collins Verlag

Heute – mit seiner Suppenbar und dem Wohnwagen – ist Maurice glücklich wie nie zuvor: "Ich habe hier allen Komfort, den man sich vorstellen kann." Alles hinter sich zu lassen, war auf jeden Fall die richtige Entscheidung für den Sylter Suppenkoch, der seine Geschichte in einem Buch zusammengefasst hat. "Wie ich lernte, meine eigene Suppe zu kochen und damit glücklich wurde", ist ein ehrlicher Ratgeber, der dem eigenen Traum auf den Zahn fühlt, nichts beschönigt, aber trotzdem Mut macht. Und mit offenem Herzen blickt Maurice Morell weiter in die Zukunft: "Wer weiß, was ich in einem Jahr mache? Die Suppe werde ich auch nicht ewig machen".

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 5. Juli 2021, 18:05 Uhr