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Die Nacht

Im Porträt Markus Pragal über seine Kindheit auf beiden Seiten der Mauer

Autorin

Ein Mann steht vor einem ländlichen Hintergrund und schaut in die Kamera.
Markus Pragal lebte als Kind auf beiden Seiten der Mauer – erst in der DDR, dann in der BRD. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Die Berliner Mauer teilt Stadt und Land bereits seit 13 Jahren als Markus Pragal 1974 mit seinen Eltern von der Bundesrepublik Deutschland in die DDR zieht. Markus Pragal ist damals noch keine drei Jahre alt. Sein Vater ist der Journalist Peter Pragal: Er ist für die Süddeutsche Zeitung der erste westdeutsche Autor, der in der DDR leben und arbeiten darf – und dies freiwillig tut. Markus Pragal wächst also nicht als Kind der DDR, sondern als westdeutscher Junge im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg auf.

Gesprächszeit "In die DDR zurückzufahren, war auch ein nach Hause kommen" – Markus Pragal

Markus Pragal zog als Dreijähriger mit seinen Eltern in die DDR, mit acht Jahren ging es zurück in die BRD. Er erlebte die Mauer als Kind von beiden Seiten.

Ein Mann steht vor einem ländlichen Hintergrund und schaut in die Kamera.
Bild: Radio Bremen | Verena Patel
Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Als Kind merkt Markus Pragal schnell, dass "die Mauer" nicht nur "irgendeine Mauer" ist, die er regelmäßig mit seinen Eltern passiert: Stacheldraht, bewaffnete Soldaten, das Kommando, sich auszuweisen – "dieses ungute Gefühl überträgt sich von Eltern auf die Kinder", weiß der heute 50-jährige Jurist, der mit seiner Familie in Bremen lebt und als erster Stadtrat in Delmenhorst arbeitet.

Dieses ungute Gefühl überträgt sich von Eltern auf die Kinder.

Markus Pragal über seine Kindheitserinnerung zum Passieren der Mauer

Wenn er in Westberlin unterwegs ist und ungehindert mit seinen Eltern im "Kaufhaus des Westens" einkaufen kann, dann ist es dort "irgendwie komisch" für das Kind zwischen den deutschen Welten: "Weil da nicht unsere Wohnung war. Da war nicht mein Zimmer – und auch wenn es komisch klingt, wenn wir durch die Grenze zurück nach Lichtenberg gefahren sind, war das auch ein nach Hause kommen", erinnert sich Pragal.

Eine westdeutsche Kindheit – im Osten

In einer nagelneuen Plattenbausiedlung in der Ho-Chi-Minh-Straße in Berlin Lichtenberg wohnt Pragal als Kind mit Vater Peter, Mutter Karin und Schwester Katharina. Hier leben vorwiegend Diplomaten und DDR-Bürger mit besonderen Privilegien. Alles ist modern und auf dem neuesten Stand – es gibt einen Fahrstuhl und einen Müllschlucker, die der kleine Markus ganz selbstverständlich benutzt. Er kennt es ja nicht anders. Doch eine Sache fällt ihm bald auf: "Es war grauer, als bei meinen Großeltern in Nordrhein-Westfalen, weil die Grünanlagen gerade erst gepflanzt wurden. Und es roch komisch – nach den Kohle-Öfen und den Zweitaktmotoren der Trabi-Autos."

Dennoch erlebt er seine Kindheit als eine "gutbürgerlich westdeutsche": Es gibt West-Süßigkeiten in der Schultüte und Playmobil-Männchen zum Spielen. In der Schule fühlt er sich – auch wegen seiner feinfühligen, liberalen Klassenlehrerin – gut integriert. Bis ihm klar wird, dass er als "Ausländer" kein Mitglied der DDR-Jugendorganisation "Pioniere" werden darf. "Ich bin mal an einem Montagmorgen zur Schule gekommen und hatte vergessen, dass Fahnenappell war. Ich hatte kein weißes Hemd an und ein Halstuch durfte ich sowieso nicht tragen. Da bin ich weinend zu meiner Mutter gelaufen und habe gesagt 'Das kann doch gar nicht sein, dass ich da nicht mitmachen darf'".

Zwar darf er offiziell kein Pionier werden, doch seine Lehrerin sorgt dafür, dass er als "Gast" bei Freizeitveranstaltungen dabei sein darf. Und sie macht kein Aufhebens darum, als er im Unterricht statt eines russischen Kosmonauten einen amerikanischen Astronauten mit US-Flagge malt. "Das hätte in der ersten Klasse ganz schön in die Hose gehen können, wenn sie nicht gewesen wäre", erinnert sich Markus Pragal.

Sie haben nur darauf geachtet, dass wir nichts sagen, was unsere Freunde und Nachbarn in Schwierigkeiten bringt.

Markus Pragal über den Umgang seiner Eltern mit der Überwachung der Familie durch die Stasi

Dass die Stasi auch ihn und seine Familie überwacht, erfährt er erst später – dafür sorgen seine Eltern. "Sie haben nur darauf geachtet, dass wir nichts sagen, was unsere Freunde und Nachbarn in Schwierigkeiten bringt", so der heutige Vater von drei Kindern.

1979, nach fünf Jahren Kindheit in der DDR, wechselt Markus' Vater Peter Pragal in das Parlamentsbüro des "Stern" – die Familie zieht nach St. Augustin bei Bonn. Von einer Plattenbau-Wohnung von unter 100 Quadratmetern Größe in ein eigenes Haus über mehrere Etagen mit Garten. Möglicherweise sind es nur seine Freunde und die alte Umgebung, die ihm fehlen. Seine neuen MitschülerInnen in der Nähe von Bonn sind vorwiegend Soldatenkinder. Pragal wird klar, dass er wieder ganz von vorne anfangen muss. Er braucht eine Weile, um sich im Westen zu berappeln.

Sehr viel Zeit hat er nicht: 1984 zieht seine Familie zurück nach Berlin, dieses Mal in den Westen – "im Osten in die Schule zu gehen wäre zu dieser Zeit gar nicht mehr möglich gewesen", so Markus Pragal heute. Die Familie hat ein Haus in Charlottenburg, der Vater eine Dienstwohnung ist Ostberlin – wieder stehen der Familie die Wege in beide Richtungen offen. Markus fährt regelmäßig rüber, hat einmal pro Woche im Osten Klavier-Unterricht, die Fahrten über die Grenze sind für ihn so selbstverständlich, dass er sogar einmal seine Papiere vergisst.

Den Mauerfall verschlafen

Als am 9. November 1989 um 18:53 Uhr der Journalist Riccardo Ehrman (von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA) bei der mittlerweile legendären Pressekonferenz Günter Schabowski die alles entscheidende Frage zum Reisegesetz stellt, ist Markus' Vater live dabei. Er fährt sogar direkt im Anschluss an den Grenzübergang Bornholmer Straße, an dem sich wenig später der erste Schlagbaum öffnet. 

Die Familie ahnt, dass etwas in der Luft liegt, weil der Vater an diesem Abend nicht nach Hause kommt. Doch weil es keine Handys gibt, kann er sie nicht über den Mauerfall informieren. Also geht Markus Pragal, damals 18 Jahre alt, früh ins Bett und verschläft die historischen Stunden. Bis plötzlich nach Mitternacht eine befreundete Familie aus Ostberlin im Haus der Pragals aufkreuzt und ihnen damit beweist: Die Mauer wird bald Geschichte sein.

Erfahrungen weitergeben

Zum Jura-Studium verschlägt es ihn nach Münster. Er wäre gerne in Berlin geblieben, aber "Die Leute aus dem Osten hatten alle so ein Top-Abitur, da hatte ich einfach keine Chance", meint er augenzwinkernd. Im Studium lernt er seine jetzige Frau Karin kennen, gemeinsam gehen sie Ende der 1990er Jahre nach Bremen und bekommen drei Kinder. Gefragt danach, was er ihnen aus seiner Kindheit zwischen DDR und BRD mitgeben kann, antwortet er: "Ich gebe zu, dass ich es vielleicht nicht geschafft habe, meine Kinder so sehr für Geschichte und die politische Situation damals zu interessieren, dass es ihr erstes Interesse wäre. Vielleicht kommt das ja noch."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 12.11.2021, 18:05 Uhr