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Die Nacht

Im Porträt 100.000 Euro hat Kevin Böhm wegen seiner Sucht verloren

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Portrait von Kevin Böhm mit Cape
Führte lange Zeit ein Leben voller Lügen: Kevin Böhm Bild: Kevin Böhm

Fast zehn Jahre war Kevin Böhm spielsüchtig – und sehr lange hat es niemand gemerkt. Er baute sich ein Lügenkonstrukt, um an immer mehr Geld zu kommen, das er in Spielautomaten und bei Sportwetten verlor. Im Podcast "Glücklich süchtig" spricht er heute über seinen Weg aus der Sucht.

Gesprächszeit "Am Ende kam ich mir vor wie ein Junkie" – Kevin Böhm

Fast zehn Jahre war Kevin Böhm spielsüchtig. Er baute sich ein Lügenkonstrukt, um an immer mehr Geld für Sportwetten und Automatenspiel zu kommen.

Portrait von Kevin Böhm mit Cape
Kevin Böhm Bild: Kevin Böhm
Bild: Kevin Böhm

Rund eine halbe Million Menschen leben in Deutschland, die ein mehr oder weniger problematisches Spielverhalten an den Tag legen. Das heißt: Sie sind bereits süchtig oder laufen zumindest Gefahr, in eine Abhängigkeit zu rutschen. Doch das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen, sagt Kevin Böhm.

Betroffene sehen oft nur noch zwei Optionen: Entweder sie landen unter der Brücke – oder sie springen von ihr herunter.

Kevin Böhm über die Suizidgefahr von Spielsucht

Fast zehn Jahre war Böhm spielsüchtig, was in seinem Umfeld aber lange niemand merkte: "Im Vergleich zu einer Alkohol- oder Rauschgiftsucht lässt sich diese Abhängigkeit gut verstecken. Man sieht sie dem Gegenüber nicht an. Trotzdem halten Wissenschaftler sie für enorm gefährlich. Glücksspielabhängigkeit gilt weltweit als die Sucht mit der höchsten Suizidrate. Im Endstadium sehen Betroffene oft nur noch zwei Optionen: Entweder sie landen unter der Brücke – oder sie springen von ihr herunter. Diese Krankheit ist im wahrsten Sinne des Wortes existenzvernichtend", sagt Kevin Böhm. Auch er hat Suizidgedanken als er noch spielsüchtig ist. Zwei Mal denkt er beim Autofahren kurz daran, das Lenkrad einfach loszulassen.

Kleine Geldbeträge sind der Einstieg

Seine Leidensgeschichte beginnt harmlos. Kevin ist 18, steht in Worms kurz vor dem Abitur. Ein Mitschüler berichtet während einer Freistunde, dass kürzlich in der Nähe eine Spielhalle aufgemacht habe. "Er erzählte mir, dass man dort kostenlose Getränke und Snacks bekommt. Man müsse sich nur hinsetzen und für ein oder zwei Euro spielen. Ich war vorher noch nie mit Glücksspiel in Kontakt gekommen und dachte auch nicht, dass sich da Probleme für mich ergeben könnten. Also bin ich einfach mitgegangen damals."

Was mit unregelmäßigen Besuchen mit kleinen Einsätzen an Spielautomaten beginnt, steigert sich ziemlich schnell. In der Anfangszeit gewinnt Kevin noch häufiger. Einmal sogar 1.000 Euro. Spätestens da, sagt er rückblickend, hätte er es gut sein lassen sollen. Doch die Sucht nach dem Adrenalinkick war bereits stärker: "Ich habe mich damals oft gefragt, was los ist, warum ich das nicht sein lassen kann und unkontrolliert mein Geld in die Spielhalle trage. Heute weiß ich: Alles, was in solchen Momenten zählt, ist der Dopamin-Ausstoß. Man sehnt sich nach dem nächsten Kick, dem nächsten Gewinn und dem Nervenkitzel, weil dies das Gehirn anregt. Das ist vergleichbar mit dem Konsum von Kokain."

Ich fragte mich, was ich noch machen könnte, um an mehr Geld zu kommen. Am Ende kam ich mir vor wie ein Junkie, der sich die Nadel setzt.

Kevin Böhm über die Abwärtsspirale seiner Sucht

Bei Kevin kommt erschwerend hinzu, was Experten eine "Suchtverlagerung" nennen: Irgendwann gibt er sein Geld nicht mehr nur für Automatenspiele, sondern auch für Sportwetten aus. Seine Lebensgefährtin spürt zwar, dass etwas nicht stimmt. Dass ihr Freund unter einer schweren Krankheit leidet und ein Doppelleben führt, ahnt sie jedoch nicht: "Morgens ging mein erster Blick zum Handy auf die Sportergebnisse. Wenn es schlecht lief und kein Geld mehr auf dem Wettkonto war, dachte ich an die zunehmenden Schulden. Und ich fragte mich, was ich noch machen könnte, um an mehr Geld zu kommen. Wenn ich wieder flüssig war, habe ich jede freie Minute darauf verwendet, neue Wetten zu platzieren. Am Ende kam ich mir vor wie ein Junkie, der sich die Nadel setzt."

Man entwickelt abscheuliche Charakterzüge. Man pumpt Familienmitglieder und Freude an, man speist sie mit Lügen ab.

Kevin Böhm über die Nebenwirkungen seiner Sucht

Mit Mitte 20 wird Kevin zum ersten Mal Vater. Doch statt sich über die Nachricht zu freuen, bricht für ihn eine Welt zusammen: "Ich hatte wahnsinnige Angst. Mein erster Gedanke war: 'Ich bin doch gar nicht lebensfähig, wie soll ich da für einen anderen Menschen sorgen?'"

Rund 100.000 Euro wird Kevin am Ende seine Spielsucht kosten, bevor er die Reißleine zieht. Doch das ist rückblickend das kleinere Problem, bilanziert er: "Ich habe ja auch ganz viel Lebenszeit verspielt. Und man entwickelt abscheuliche Charakterzüge. Man pumpt Familienmitglieder und Freude an, man speist sie mit Lügen ab, wenn sie fragen, wofür man das Geld braucht. Ich habe mir zum Beispiel fiktive Pannen an meinem Auto ausgedacht, um Geld von meiner Mutter zu erschleichen. In solchen Momenten denkt man nicht mehr moralisch – und alles nur, um die eigene Sucht zu stillen. Das geht mir heute noch sehr nahe, wenn ich darüber nachdenke."

Nur eine Therapie holt ihn raus

Irgendwann hält es Kevin nicht mehr aus und offenbart sich seiner Familie. Eine mehrmonatige stationäre Therapie bringt für ihn schließlich die Wende. Heute – mit Anfang 30 – fühlt er sich bereit, Verantwortung für sich und seine kleine Familie zu übernehmen. Er hat einen gut bezahlten Job als Mediengestalter und erlebt die Zeit mit seiner Lebensgefährtin und den beiden Kindern intensiv und bewusst. Außerdem produziert er den Podcast "Glücklich süchtig", in dem er über seine Erfahrungen als Spielsüchtiger berichtet – und Betroffene motivieren möchte, sich ebenfalls Hilfe zu suchen. "Ich merke oft, dass diese Gruppe auch für mich noch enorm wichtig ist, um über Erlebtes sprechen zu können. Für mich ist jede Folge wie eine Art Chemotherapie."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 22. Juni 2021, 18:05 Uhr