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Die Nacht

Im Porträt "Ostdeutsch" waren für Hendrik Bolz immer nur die Anderen

Autor/Autorin

  • Maria Hecht
Hendrik Bolz
Aufgewachsen in Mecklenburg-Vorpommern: Hendrik Bolz Bild: Greta Baumann/KiWi

Obwohl Hendrik Bolz, Jahrgang 1988, kaum etwas von der ehemaligen DDR mitbekam, ist seine Kindheit stark von den Nachwehen der Diktatur und der Wende geprägt. Ein noch tief vom Sozialismus geprägtes Menschenbild, aber auch Zukunftslosigkeit, Gewalt, Rechtsextremismus und Drogen gehörten zum Alltag von Bolz, der in Stralsund, in einem Plattenbaugebiet in den sogenannten "Nullerjahren" aufwuchs.

Hendrik Bolz
Hendrik Bolz

Gesprächszeit "Für mich waren Ostdeutsche immer die anderen" – Hendrik Bolz

Hendrik Bolz' Jugend ist stark von den Nachwehen der Wende geprägt. Zukunftslosigkeit, Gewalt, Neonazis und Drogen gehörten zu seinem Alltag in den "Nullerjahren".

Bild: Greta Baumann/KiWi

Hendrik Bolz wächst in Knieper West auf, einem Neubaugebiet am Stadtrand von Stralsund in den Jahren rund um 2000. Eine Zeit, die nur wenig Zukunft für die Menschen dort und ihn persönlich verheißt. Die Arbeitslosenzahlen sind hoch, wer kann, zieht weg. Weg aus dem Plattenbaugebiet, weg aus Stralsund oder gleich in den Westen. Wer hier bleibt, dem bleibt nicht mehr viel. Bolz kennt das gar nicht anders. Kindergärten und Schulen schließen reihum, weil kaum noch Kinder nachkommen.

Ossi-Sein, ostdeutsche Themen? DDR? Das ist doch alles Müll.

Hendrik Bolz über den Blick, den er lange auf sich selbst hatte.

Auch, dass man sich hier gegen so manchen Halbstarken oder Neo-Nazi körperlich wehren muss, Gewalt anwenden muss, gehört zu seinem Alltag dazu. So manche Ecke gleicht einem rechtsfreien Raum, wo der Stärkere das Sagen hat. Dafür trinkt Hendrik Bolz schon frühzeitig mit seinen Freunden Alkohol, um sich Mut zu machen, oder konsumiert Cannabis, um sich für eine gewisse Zeit nicht mit der Trostlosigkeit seiner Umgebung auseinandersetzen und einfach nichts mehr spüren zu müssen. Bolz macht noch sein Abitur in Stralsund, trotz aller Exzesse ist er immer auch ein guter Schüler, und zieht 2008 nach Berlin. Der große Traum von der großen Stadt geht in Erfüllung – und erst dort, aus der Distanz, bemerkt er, dass es keinesfalls eine normale Kindheit ist, die er erlebt hat: "Für mich waren Ostdeutsche immer die anderen. Ich wusste natürlich, dass ich das bin. Aber Ossi-Sein, ostdeutsche Themen? DDR? Das ist doch alles Müll."

Lieber Täter als Opfer

Seine Vergangenheit beschreibt er auch in seinen Songs. Seit 2010 ist Hendrik Bolz Teil des Rap-Duos "Zugezogen Maskulin" und beschäftigt sich immer mehr mit der DDR und reflektiert seine Kindheit und Jugend, auf die er nicht gerade stolz ist. Denn Hendrik Bolz prügelt sich, ist lieber Täter als Opfer. Als er anfängt darüber zu sprechen, erntet er irritierte Blicke, denn so recht kann keiner seiner Berliner oder gar "westdeutscher“ Freunde was mit dieser Geschichte aus der Vergangenheit anfangen: "'Ach, das denkst du dir doch aus, jetzt wollt ihr Ossis euch wohl auch mal wichtigtun, jetzt wollt ihr Ossis auch mal Gangster sein', sind die Sprüche, die ich gehört habe."

Wie die Sprüche über den Osten triggern

Aber Hendrik Bolz´ Erfahrungen teilen viele Menschen, vor allem junge Menschen, die in den einschlägigen meist Neubaugebieten von ostdeutschen Städten aufgewachsen sind und ganz Ähnliches erleben oder beobachten. Immer spielt da auch Rechtsextremismus eine große Rolle. Etwas, was 2015 durch die Pegida-Demonstrationen und die heftigen Reaktionen auf die vielen syrischen Flüchtlinge vor allem in den so genannten ostdeutschen Bundesländern wieder hochkocht. Und plötzlich sind da wieder die schlimmen Sprüche über den Osten und die schmerzhaften Erfahrungen. Bolz triggert das so sehr, dass er beginnt, seine Geschichte aufzuschreiben. "Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften" heißt sein Buch, das bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Doch seine Geschichte ist nur eine Geschichte von vielen "ostdeutschen" Erlebnissen, die er sichtbar machen und enttabuiisieren will.

"Nullerjahre" ist so vieldeutig – das sind auch meine persönlichen Jahre als "Null".

Hendrik Bolz über seine Pubertät Anfang der 2000er Jahre.
Hendrik Bolz
Teilt seine Geschichte in diesem Jahr auf vielen Lesungen im Osten und Westen: Hendrik Bolz Bild: Greta Baumann/KiWi

Jahrelang arbeitet Bolz auch an sich selbst. Er will aus der Sichtweise, dass Gewalt ein probates Mittel ist, und es immer noch mehr Härte braucht, um im Leben bestehen zu können, aussteigen. Er geht in Therapie, denn seine einst unterdrückten Ängste und Trauermomente holen ihn in Form von Panikattacken und Depressionen wieder ein: "'Nullerjahre' ist so vieldeutig – das sind auch meine persönlichen Jahre als Null, als aber auch der Osten an sich so ein Nullen-Image hatte und viele bei Null anfangen mussten und sich viele Biografien auch gegen Null gewendet haben."

Auch innerhalb Ostdeutschlands ist Aufarbeitung ganz, ganz wichtig.

Was Hendrik Bolz sich für seine Generation wünscht

Auch das Schreiben über seine Zeit in Knieper West hilft, er versöhnt sich mit seinem jugendlichen Ich. Bei den Lesungen findet er viel Gehör auch in seiner alten Heimat, wo die Menschen sich jetzt auch mit ihren Erfahrungen, die sie nach dem Mauerfall gemacht haben, zeigen. Etwas worüber viele, so wie Hendrik Bolz auch selbst lange Zeit, geschwiegen haben. "Dialog, Gespräch, Austausch – auch innerhalb Ostdeutschlands ist Aufarbeitung ganz, ganz wichtig, also diese Zeit aufarbeiten und da mal zu einer Heilung kommen."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 10. Mai 2022, 18:05 Uhr