Im Porträt Coming-out mit 62: Transfrau Georgine Kellermann

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Georgine Kellermann
Georgine Kellermann Bild: Radio Bremen | Hendrik Plaß

Georgine Kellermann führte Jahrzehnte lang ein Doppelleben. Als Mann machte sie Karriere, privat lebte sie als Frau. Als sie 62 Jahre alt war, entdeckte eine Kollegin per Zufall Kellermanns wahre Persönlichkeit als Transfrau. Ein Moment, den Georgine Kellermann heute als ihre Rettung empfindet. Vorbei ist das Versteckspiel – und ihre Ängste unbegründet. "Die Unterstützung der Gesellschaft ist viel, viel größer als der Hass einiger weniger", sagt sie heute.

Georgine Kellermann
Georgine Kellermann

"Es war meine Rettung" – Georgine Kellermann

Georgine Kellermann führte Jahrzehnte ein Doppelleben. Als Mann machte sie Karriere – und lebte privat als Frau. Mit 62 hatte sie ihr Coming-Out als Transfrau.

Bild: Radio Bremen | Hendrik Plaß

Georgine Kellermann wuchs in den 1970er-Jahren im rheinischen Ratingen auf. Behütet, aber in einer Familie, die Wert darauf legte, die gesellschaftlichen Konventionen zu erfüllen. Sprachlosigkeit machte sich zunächst breit, als die Eltern entdeckten, dass Georgine mit den Kleidern ihrer Mutter vor dem Spiegel posierte. "Meine Mutter hat mich immer geliebt. Sie hat in mir keine Tochter gesehen – aber sie hat mich nie fallen gelassen dafür, dass ich im Kleid oder Rock lebte"“, erinnert sich Kellermann an diese Zeit.

Versteckspiel aus Sorge um den Job

Privat lebte Georgine Kellermann schon früh als Frau, Karriere machte sie als Mann. Sie wurde Journalistin, arbeitete für das ARD-Morgenmagazin und ging als Fernsehkorrespondentin nach Washington und Paris. Sie gab sich Mühe, männlich zu wirken, um ihre wahre Persönlichkeit zu verdecken. Wenn sie abends die Tür zu ihrer Wohnung hinter sich schloss, öffnete sich dagegen das kleine Paradies: "Da war ich 'Ich selber', da konnte ich 'Ich' sein." Hier und da gab es zwar Gerüchte, sogar wohlwollende Gespräche mit Vorgesetzten, doch ein Coming-out als Frau kam für Georgine Kellermann im Job lange nicht in Frage: "Meine Sorge war, dass – wenn ich werde, der ich bin – ich nicht mehr tun kann, was ich liebe."

In diesem Moment war es einfach so: Ich habe einen Schalter umgelegt.

Georgine Kellermann über den Moment, als sie erstmals als Frau eine Kollegin traf.

Eigentlich wollte Kellermann mit dem Coming-out im Job bis zur Pensionierung zu warten. Doch eine Rolltreppen-Fahrt veränderte alles: Georgine Kellermann – inzwischen Studioleiterin beim WDR in Essen – wollte ihren 62. Geburtstag auf der Golden Gate Bridge in San Francisco verbringen. Sie machte sich auf zum Flughafen: "Und ich hatte mich schon aufgebrezelt: Fingernägel lackiert, schön angezogen, große Sonnenbrille." Sie fuhr am Düsseldorfer Hauptbahnhof die Rolltreppe hoch und traf oben unvermittelt eine Kollegin. "Ich hätte vorher alles getan, um im Boden zu versinken, mich zu verstecken. Und in diesem Moment war es einfach so: Ich habe einen Schalter umgelegt", so Kellermann.

Erleichterung nach Ende des Versteckspiels

Die positive Reaktion der Kollegin auf ihr Dasein als Frau, bestätigte Kellermann in ihrem Coming-out. Der unglaublich hohe Druck im Inneren wich großer Erleichterung – das Doppelleben hatte plötzlich ein Ende. Dass sie in diesem Moment bereit zu diesem Schritt war, erklärt Kellermann mit der Therapie, die sie rund eineinhalb Jahre zuvor begonnen hatte. "Das ist so gut, wenn man jemanden hat, der mal von außen drauf guckt", so Kellermann. Denn die entscheidende Frage, die ihre Therapeutin ihr immer gestellt hatte war diese: "Wovor hast du eigentlich Angst? Was soll dir passieren?"

Ich lebe ein wunderbares Leben. Es ist das größte Geschenk, das ich je bekommen habe.

Geogine Kellermann über ihre Frau-Sein heute

Die Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen im WDR Studio Essen waren herzerwärmend, erinnert sich Kellermann. Viele riefen schon während ihrer Zeit in San Francisco an und bestätigten sie in ihrem Weg: "Ich habe manchmal das Gefühl, ich wollte erwischt werden. Weil es dann endlich raus war. Und es war nicht nur ein bedeutender Moment, es war wie eine Rettung. So empfinde ich das heute und das war ein großes Glück." Dass sie sich erst mit 62 Jahren offenbart hat, bereut sie nicht. Denn die Zeiten hätten sich geändert, sagt Georgine Kellermann. Die Diversität der Gesellschaft sei heute auch im Beruf viel sichtbarer als in den 1980er- oder 1990er-Jahren. Nur dass sie im Privaten nicht doch etwas mutiger war, tue ihr heute etwas leid: "Ich glaube einfach, dass ich authentischer bin. Vorher musste ich mich verstellen." Seit 2020 ist Georgine Kellermann auch auf dem Papier eine Frau und sagt: "Ich lebe ein wunderbares Leben. Es ist das größte Geschenk, das ich je bekommen habe."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 31. März 2022, 18:05 Uhr

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