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Die Nacht

Was wir lesen Lesen Sie sich quer durch Europa: 5 Buch-Tipps für Neugierige

Autorinnen und Autoren

Buchcover
Europäische Autorinnen und Autoren entdecken und wiederentdecken: Das können Sie mit diesen Büchern. Bild: Radio Bremen

Von Schweden bis Griechenland, von Comic und KI bis zum Familienroman: Europas Literaturszene ist so vielfältig wie der Kontinent. Gehen Sie mit uns auf Entdeckungsreise.

Eine stimmungsvolle Graphic Novel zum Abtauchen, Frauenleben im Griechenland der dreißiger Jahre und eine schmerzhafte Familiengeschichte aus Schweden. Außerdem aberwitzige Science-Fiction-Literatur und ein Essay über das Scheitern in der Architektur: Fünf Leseempfehlungen.

1 Margarita Liberaki, "Drei Sommer": eine feministische Wiederentdeckung aus Griechenland

Buchcover Margarita Liberaki: Drei Sommer
Margarita Liberaki: "Drei Sommer", aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger, Arche Literatur Verlag, 388 Seiten, 24 Euro. Bild: Arche Verlag/Grafik Sabina Weinrich

1946 erstmals erschienen, gilt der Roman als Klassiker der modernen griechischen Literatur. Margarita Liberaki war verheiratet und Mutter, ging jedoch Ende der 1940er Jahre allein nach Paris und lernte dort Jean-Paul Sartre und Albert Camus kennen. Um weibliche Lebensentwürfe und Selbstbestimmung geht es auch in ihrem Roman. In drei flirrenden griechischen Sommern, zwischen ersten Flirts und ernsthaften Zukunftssorgen, entscheiden sich die Lebenswege dreier sehr unterschiedlicher Schwestern.

Warum sich das Lesen lohnt

Margerita Liberaki nimmt sich viel Zeit und Raum für die oft widersprüchlichen Gefühle der jungen Frauen. In deren räumlich beschränkter Lebenswelt sind es vor allem die Gerüche, Farben und Lichtverhältnisse, die sich verändern. Was auf dem ersten Blick wie eine leichte Sommergeschichte wirkt, hat durchaus seine Abgründe. Und die Frage: "Kann ich beides haben: beruflichen Erfolg und ein glückliches Familienleben?" bleibt auch 75 Jahre nach der Erstveröffentlichung aktuell.  

In Kürze

#Griechenland #Feminismus #ModernerKlassiker

2 Alfred, "Senso": ein Sommer-Comic aus Italien 

Buchcover Alfred: "Senso"
Alfred: "Senso", aus dem Französischen von Silv Bannenberg, Reprodukt Verlag, 160 Seiten, 20 Euro. Bild: Reprodukt/Grafik Sabina Weinrich

"Senso" ist Italienisch und heißt so viel wie "Sinn". Auf Sinnsuche sind alle Charaktere in diesem Comic. Protagonist Germano strandet in einer heißen Sommernacht in einem alten Hotel in Süditalien, das von einem riesigen, verwilderten Park umgeben ist. Eigentlich hatte er hier ein Zimmer reserviert – aber es wurde an eine Hochzeitsgesellschaft vergeben. Germano hat also kein Bett und irrt durch die Nacht, wobei er im Park den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Er stößt unter anderem auf Elena – die gerne ein Liebesabenteuer mit ihm anfangen würde – auf einen frustrierten Nachtportier, einen wutschnaubenden Langzeitarbeitslosen und ein einsames Kind. Sie alle werden Teil der Geschichte – die manchmal tragisch ist und dabei doch so leicht und locker erzählt wie Shakespeares Sommernachtstraum.  

Warum sich das Lesen lohnt 

In den gelb-braun kolorierten Landschaften des französisch-italienischen Comic-Zeichners Alfred kann man die brütende Hitze förmlich fühlen. Die nächtlichen Park-Szenen lässt er in geheimnisvollen Blautönen funkeln, und mit feinen Details macht er dabei die Stimmungen spürbar, die in den einzelnen Begegnungen liegen. In "Senso" kann man abtauchen – und dabei sinnieren, schmunzeln und sich einfach an den Bildern freuen.

In Kürze

#Italien #GraphicNovel #Sommernacht

3 Alex Schulman, "Die Überlebenden": dramatisches Debüt aus Schweden

Buchcover Alex Schulman, "Die Überlebenden"
Alex Schulman, "Die Überlebenden", aus dem Schwedischen von Hanna Granz, DTV, 304 Seiten, 22 Euro. Bild: DTV/Grafik Sabina Weinrich

Jeden Sommer verbringt die Familie in einem einsamen Ferienhaus am See. Während Benjamin, Pierre und Nils die Langeweile totschlagen, scheinen sich die – meist betrunkenen – Eltern kaum für sie zu interessieren. Die Mutter verhält sich oft brutal ablehnend. Der Vater stachelt die Kinder zu lebensgefährlichen Aktionen an, und im Kampf um seine Zuwendung werden die Jungen zu Rivalen. Plötzlich enden die Sommerurlaube am See. Die Familienmitglieder entfremden sich immer mehr. Als erwachsene Männer stehen die Söhne erstmals wieder gemeinsam am Ufer: Um die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Und um zu begreifen, was damals geschehen ist. 

Warum sich das Lesen lohnt

Wie überlebt man das Schlimmste, das in einer Familie passieren kann? Eine schmerzhafte, außergewöhnlich klug komponierte Geschichte, die man nicht vergisst. In behutsam kreisenden Bewegungen nähert sich der Autor dem alles entscheidenden Moment – bis ganz zuletzt alle Puzzleteile an ihren Platz fallen.

In Kürze

#Schweden #Familiengeschichte #Trauma

4 Charlotte Van den Broeck, "Wagnisse. 13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer": Architektur-Debakel aus Belgien

Buchcover Charlotte van den Broeck "Wagnisse"
Charlotte Van den Broeck "Wagnisse – 13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer", aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt, Rowohlt, 352 Seiten, 26 Euro. Bild: Rowohlt/Grafik Sabina Weinrich

In jedem Kapitel stellt die belgische Dichterin Charlotte Van den Broeck ein missglücktes Bauwerk und dessen Architekten vor. Das Hallenbad in Turnhout, zum Beispiel, wurde vermutlich unsachgemäß auf morastigen Boden gebaut. Grundwasser drang in den Technikraum unter dem Becken ein. Die Schwimmerinnen und Schwimmer hätte ein tödlicher elektrischer Schlag treffen können. Viele der unglücklichen Architekten im Buch haben Selbstmord begangen. 1868 nahm sich Eduard van der Nüll, einer der beiden damals spöttisch kritisierten Baumeister der Wiener Staatsoper, das Leben. Heute gilt die Staatsoper als Meisterwerk.

Warum sich das Lesen lohnt

"Wagnisse" ist ein erstaunliches, herausragend gut geschriebenes Werk. Ein einfühlsamer und persönlicher Essay über das Scheitern – das übrigens meistens relativ ist.

 In Kürze

#Belgien #Architektur #Scheitern

5 Raphaela Edelbauer, "DAVE": KI-Science-Fiction aus Österreich

Buchcover Raphaela Edelbauer: "DAVE"
Raphaela Edelbauer: "DAVE", Klett Cotta, 432 Seiten, 25 Euro. Bild: Klett Cotta/Grafik Sabina Weinrich

Was in diesem Roman genau passiert, lässt sich schwer beschreiben. Aber eins ist klar: Die Menschheit hat sich an den Abgrund manövriert und steht kurz vor der selbstverschuldeten Auslöschung. DAVE, ein Computer mit künstlichem Bewusstsein, soll die Rettung bringen. Programmierer Syz ist einer der vielen Nerds, die pausenlos an dieser technischen Neuentwicklung tüfteln. Er fragt sich nicht nur: "Was braucht es, um eine Maschine mit menschlichem Bewusstsein auszustatten?", sondern auch: "Welchem Zweck dient DAVE wirklich? Und wer wird von ihm profitieren?"

Warum sich das Lesen lohnt

Junge Science-Fiction-Literatur aus Österreich, virtuos unzuverlässig und grandios verwirrend erzählt. Aberwitzig, fantasievoll, komplex, unterhaltsam. 

In Kürze

#Österreich #SciFi #Künstliche Intelligenz #Dystopie

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 13. August 2021, 11:40 Uhr.