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Die Nacht

Im Porträt Zeitzeugin Esther Bejarano: eine Stimme gegen das Vergessen

Autorinnen und Autoren

Esther Bejarano
Mit 96 Jahren ist Esther Bejarano in ihrer Heimatstadt Hamburg gestorben. Bild: DPA | Sven Simon/Malte Ossowski

Esther Bejarano wurde 1943 als junge Frau ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort musste sie schwere Steine über eine Wiese schleppen – und wieder zurück. Zwangsarbeit – der nationalsozialistische Horror. Als Esther Bejarano die Kraft ausging, retteten ihr eine polnische Mitgefangene und eine Lüge das Leben. Zeit ihres Lebens hat sie an den Holocaust erinnert – bis sie letztes Jahr im Alter von 96 Jahren gestorben ist.

Esther Bejarano

Gesprächszeit "Und die Menschen sind ins Gas gefahren" – Esther Bejarano

Esther Bejarano hat Auschwitz-Birkenau als Mitglied des Mädchenorchesters überlebt. Immer wieder hat sie an den Holocaust erinnert – bis sie 2021 gestorben ist.

Bild: DPA | Sven Simon/Malte Ossowski

Am 15. Dezember 1924 wurde Esther Bejarano als Esther Loewy in Saarlouis geboren. Sie hatte zwei Schwestern und einen Bruder, ihr Vater war jüdischer Lehrer und Kantor. 1941 ermordeten die Nationalsozialisten ihre Eltern in Litauen, sie selbst wurde Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Wir haben da gestanden mit Tränen in den Augen. Du hast da Musik gemacht, und die Menschen sind ins Gas gefahren.

Esther Bejarano über das Mädchenorchester von Auschwitz

Eine Polin hatte dort die Aufgabe bekommen, ein Mädchenorchester für das Konzentrationslager zu gründen. Sie fragte Esther Bejarano, ob sie Akkordeon spielen könne, und die junge 19-jährige Esther log. "Ja", sagte sie, übte ein paar Augenblicke und wurde aufgenommen. Fortan hatte sie Marschmusik zu spielen für die Gefangenen, die zur Zwangsarbeit auszogen oder für jene auf ihrem letzten Weg in die Gaskammer: "Wir haben da gestanden mit Tränen in den Augen. Wir wussten nicht, sollen wir jetzt aufhören oder weiterspielen. (…) Du hast da Musik gemacht, und die Menschen sind ins Gas gefahren."

Und dann habe ich mich entschlossen, ich werde von jetzt an anfangen, zu erzählen.

Esther Bejarano über einen NDP-Stand, der sie zum Reden brachte

Esther Bejarano wanderte 1945 nach Palästina aus und traf auch dort auf Rassisten und Terroristen. 1960 kam sie zurück nach Deutschland – mit Mann und Kindern. Aber zunächst redete sie nicht über ihre grausame Vergangenheit. Erst als die NPD Ende der 1970er Jahre einen Infostand vor ihrer Haustür aufbaute und dann auch noch von der Polizei beschützt wurde, fand sie ihre Worte wieder. Zum Polizisten sagte sie: "Verhaften Sie mich! Ich habe Schlimmeres erlebt, ich war in Auschwitz. Daraufhin hat sich einer dieser Nazis eingemischt und hat zu diesem Polizisten gesagt: ' Die Frau, die müssen Sie jetzt verhaften. Wenn die in Auschwitz war, dann ist sie eine Verbrecherin.' Und das hat mir gereicht. Ich bin in meine Boutique zurückgegangen und habe mich entschlossen, ich werde von jetzt an anfangen, zu erzählen."

Das Ende der Sprachlosigkeit

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, hat Esther Bejarano Vorträge und Lesungen gehalten, hat Konzerte gespielt und in Schulen über ihre Zeit als deutsche Jüdin im Nationalsozialismus gesprochen.

Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass junge Leute das, was sie von mir gehört haben, weiter erzählen.

Esther Bejarano über ihre Hoffnung für die Zukunft

Esther Bejarano war eine der wichtigsten deutschen Zeitzeuginnen gegen das Vergessen. Schon Zeit ihres Lebens hatte Esther Bejarano immer die Hoffnung, dass ihre Geschichte ihren Tod überdauern wird: "Wenn ich zum Beispiel in die Schulen gehe, und hinterher kommen die Schüler und sagen: 'Frau Bejarano, haben Sie keine Angst. Ihre Geschichte wird nie vergessen werden, denn wir werden sie weiter erzählen.' Wenn man das hört, dann bin ich ziemlich zuversichtlich, dass wieder junge Leute da sind, die das, was sie von mir gehört haben, weiter erzählen." Sie starb 2021 im Alter von 96 Jahren in Hamburg.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. Januar 2022, 18:05 Uhr