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Classical mit Marion Cotta

Im Porträt Politologin Emilia Roig über Unterdrückung und weiße Privilegien

Autoren

Emilia Roig
Emilia Roig hat wie viele Menschen mit ihrer Hautfarbe gelernt, sich in die Wünsche von weißen Menschen hineinzuversetzen. Bild: Mohamed Badarne

Wenn Emilia Roig sich selbst betrachtet, sieht sie viele Facetten: Sie ist Aktivistin, Wissenschaftlerin, queer, jüdisch, Französin, ein bisschen deutsch, Mutter, Afro-Europäerin. In ihrem Buch "Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung" befasst sich die Politologin mit struktureller Diskriminierung von Minderheiten – auch anhand ihrer eigenen Geschichte.

Gesprächszeit "Rassismus lebt in uns allen" – Emilia Roig

In ihrem Buch "Why We Matter" befasst sich Politologin Emilia Roig mit struktureller Diskriminierung von Minderheiten – auch anhand ihrer eigenen Geschichte.

Audio vom 4. Juni 2021
Emilia Roig
Emilia Roig Bild: Mohamed Badarne

Identität – das ist für Emilia Roig ein wichtiges Thema. Die jüdische Seite ihrer Identität sei zum Beispiel lange ausgeblendet worden, sagt die 38-Jährige, die einen jüdischen Vater hat: "Ich habe lange gezögert, mich als jüdisch zu bezeichnen". Genauso hat sie ihre queere Identität über Jahre verleugnet. Sie sei unsichtbar gewesen, weil sie in einer heterosexuellen Beziehung gelebt habe: "Da war für mich wirklich ein Riesenproblem. Ich fühlte mich unsichtbar, ich fühlte mich missverstanden. Ich hatte das Gefühl, dass ich das falsche Leben lebe".

Migration hat unsere Familie auf beiden Seiten sehr tief geprägt.

Emilia Roig über ihre Familiengeschichte

Wer weiß, männlich, heterosexuell und nicht behindert ist, erfährt in Deutschland selten Diskriminierung. Emilia Roig kann auf ganz andere Lebenserfahrungen zurückblicken. In ihrem Buch "Why we matter – Das Ende der Unterdrückung" schreibt Roig, dass sie ein Produkt des französischen Kolonialismus ist. Ihre Mutter kommt aus der französischen Karibik-Kolonie Martinique, ihr Vater aus Algerien – bis 1962 ebenfalls von Frankreich kolonial beherrscht. Roig wuchs nicht etwa mit kreolisch als Muttersprache auf, sondern mit Französisch.

Bevor Emilia Roig auf die Welt kam, hatten ihre Eltern nirgendwo so richtig Wurzeln geschlagen: "Migration hat unsere Familie auf beiden Seiten sehr tief geprägt." Auch sie selbst, die ihre ersten 20 Lebensjahre in einem Haus mit Garten in einem Pariser Vorort wohnte, hat das Nomadentum in London, Deutschland, Kenia und Kambodscha ausgelebt: "Ich glaube, diese Wurzeln, dieses Gefühl: 'Hierher gehöre ich, oder meine Vorfahren, meine Ahnen sind alle hier', das kenne ich überhaupt nicht."

Tochter eines Algeriers und einer Kreolin

"Rassismus lebt in uns allen" – diese Erfahrung hat Roig in ihrer eigenen Familie erlebt. Ihre Familie mütterlicherseits sei mit einem tief verinnerlichten rassistischem Unterlegenheitsgefühl aufgewachsen, erzählt die Politikwissenschaftlerin. Ihr Vater dagegen sei mit einem Gefühl der Überlegenheit als weißer Jude mit mehr Rechten und einem damit verbundenen höheren Status in Algerien aufgewachsen. Auch sozioökomisch schlugen Privilegien zu Buche: Die Mutter kam aus armen Verhältnisse, der Vater aus einer gesellschaftlichen Mittelschicht. "Und ich war dazwischen. Ich war das Ergebnis von dieser Beziehung und in mir gab es viel Ambivalenz und innere Konflikte", so Roig.

Ich kenne keine Kinder, die schwarz sind oder PoC, die sich nicht irgendwann gewünscht haben, weiß zu sein.

Emilia Roig über die Rassismus-Erfahrungen ihrer Generation

Als kleines Mädchen in dem Pariser Vorort war Emilia Roig eine Schülerin mit guten Noten und gehörte oft zu den Klassenbesten. Weil aber die Noten im Alter von 14 Jahren nach der Trennung der Eltern abrutschten, bot man ihr bei der Berufsorientierung den Beruf der Friseurin an. "Wäre ich ein weißer Junge gewesen, wäre mir der Beruf nicht angeboten worden", ist sich Emilia Roig heute sicher. "Ich kenne gar keine Kinder, die schwarz sind oder PoC – wenigstens aus meiner Generation – die sich nicht irgendwann gewünscht haben, weiß zu sein."

Ich muss das machen.

Emilia Roig über ihren Antrieb für ihre antirassistische Arbeit

Emilia Roig studierte Sprachen, Jura und Politikwissenschaften: "Ich habe sehr früh gewusst, ich will im Bereich Gerechtigkeit arbeiten." Doch nach Stationen bei der UN und Entwicklungsorganisationen wie der GIZ war sie ernüchtert: "Am Ende habe ich bemerkt: diese Systeme sind in der direkten Kontinuität des Kolonialismus." Heute arbeitet die Wahl-Berlinerin als Aktivistin, spricht regelmäßig über Rassismus und Diskriminierung und erklärt wie Weiße kritisch die Perspektive von Nicht-Weißen, also People of Color, einnehmen können. Denn: "Wir sind im Moment nicht auf Augenhöhe. Es gibt immer noch Menschen, die als überlegen gesehen werden." Ihre Arbeit gegen Diskriminierung ist kräftezehrend gesteht sie, aber sie sagt auch "Ich muss das machen."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 4. Juni, 18:05 Uhr