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Die Nacht

Im Netz der Corona-Skeptiker

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Sprecher auf einer Bühne während einer Querdenken-Demonstration in Bremen
In Bremen kamen rund 100 Menschen bei der "Querdenken"-Demo im Oktober 2020 zusammen. Bild: Radio Bremen | Nikolas Golsch

Masken halten sie für unsinnig, Einschränkungen für überzogen – und das Coronavirus sei keine Pandemie: Auch in Bremen gibt es die selbsternannten "Querdenker".

Schon die Musikauswahl sagt alles: "Verjagt die Merkel und den Spahn" oder "Fake News Media" – das sind die Liedtexte, die Mitte September auf einer sogenannten "Querdenken-Demo" am Bremer Hauptbahnhof zu hören sind. Gut 100 Menschen haben sich dort versammelt, um die Maskenpflicht, die Corona-Maßnahmen – und letztlich die Bundesregierung und die Presse zu kritisieren.

"Wie kann der Deutsche Bundestag bei teilweise null Toten pro Tag, sich auf so einen Notstand berufen? Wie können die Gebildeten, die gut Aufgeklärten, eine solche Politik unterstützen?", ruft ein Redner auf der Bühne, der sich nur mit seinem Vornamen Oliver vorstellt. Das Publikum diskutiert über die Maskenpflicht und darüber, wie schwer die jetzige Zeit für Kinder und Jugendliche sei.

"Querdenker" auch in Bremen

Die Organisation "Querdenken" hat auch in Bremen zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer. Hier gehen längst nicht so viele Menschen auf die Straße wie beispielsweise bei der Großdemonstration Ende August in Berlin mit laut Polizei mehr als 40.000 Teilnehmern.

Trotzdem eint sie eines: Wer da eigentlich protestiert, ist gar nicht so einfach zu sagen. "Es ist ein bunter Haufen, wenn man das mal so flapsig sagen möchte", so der Politikwissenschaftler Andreas Klee von der Uni Bremen. Das trifft auch auf das Netzwerk im Nordwesten zu: Die Bremer Linken-Politikerin Gabriele Schmidt, die für ihre Partei im Beirat Schwachhausen sitzt, soll Busfahrten zur Großdemo nach Berlin mit organisiert haben. Die Allgemeinmedizinerin Katrin Korb hat sich auf einer Demo in Oldenburg kritisch über Corona-Impfungen geäußert. Die AfD Oldenburger Land teilt ihre Rede auf Facebook.

Die Angst vor einer weltweiten Elite

Demonstration der Initiative Querdenken 40 gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. (Symbolbild)
Politikwissenschaftler Andreas Klee bezweifelt, dass Corona ein gemeinsame Nenner ist, der Menschen aus dem rechten und linken Milieu eint. Bild: Imago | xim.gs

Andreas Klee bezweifelt, dass Corona wirklich der gemeinsame Nenner ist, der Menschen aus dem rechten und linken Milieu, der Esoterik- und der Impfgegnerszene zusammenbringt. Er sagt: "In der Summe sind es Menschen, die unabhängig von ihren jeweiligen, spezifischen Einzelinteressen eine gewisse Bereitschaft haben, an Verschwörungsmythen festzuhalten und davon ausgehen, dass es größere Mächte gibt, die hinter dem stehen, was wir Politik oder Gesellschaft nennen."

Das zeigt sich auch auf der Demo am Bremer Hauptbahnhof: Eine Frau, die nach eigener Aussage zum Organisationsteam der Demo gehört, aber anonym bleiben will, teilt Flyer gegen die Maskenpflicht aus. Sie erklärt, eine weltweite Pandemie gäbe es nicht, sie werde von den Medien und einer weltweiten Elite heraufbeschworen: "Diese Elite hat eben mittlerweile auch die Politik fest im Griff. Und das macht mir echt Angst."

Ihre Informationen bezieht sie von prominenten Vordenkern der Corona-Proteste wie den Medizinern Sucharit Bhakdi oder Wolfgang Wodarg, die mit der Organisation "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie" ihre Mitstreiter hinter sich versammeln. Ihre Unterstützerlisten haben diverse Mediziner, Heilpraktiker und auch Therapeuten aus dem Nordwesten unterschrieben. Die Initiatoren selbst sprechen von bundesweit 2.000 namentlichen Unterzeichnern – überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Mit Musterschreiben gegen die Maskenpflicht

Auch andere Kritikerinnen und Kritiker haben sich inzwischen in Vereinen organisiert, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Eine Schlüsselrolle im norddeutschen Netzwerk der Corona-Skeptiker nehmen die "Klagepaten" ein, die ihren Sitz in Oldenburg haben. Mitbegründet hat diesen Verein der Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig, der eine Art Star in der Szene ist.

Als die Berliner Versammlungsbehörde die große "Querdenken"-Demo in der Hauptstadt Ende August zunächst verboten hatte, zog er mit einem Eilantrag vor Gericht – und bekam Recht. Die Demo fand statt, Bilder von Reichskriegsflaggen auf der Treppe des Reichstages gingen durchs ganze Land. Auch Prominente werben für diesen Verein, wie zuletzt der Schlagermusiker Michael Wendler.

Jemand tritt auf eine Schutzmaske, die auf dem Boden liegt. (Symbolbild)
Die Maskenpflicht ist für viele Corona-Skeptiker*innen ein großer Streitpunkt. Bild: Imago | Rheinmainfoto

Die Anstrengungen des Vereins fokussieren sich auf die Maskenpflicht, denn viele Corona-Skeptiker halten den Mund-Nasen-Schutz für eine "wirkungslose Keimschleuder". Auf der Internetseite der "Klagepaten" sind deshalb zahlreiche Musterschreiben zu finden. Für den Fall zum Beispiel, dass eine Schule oder eine andere Institution ein Masken-Attest nicht akzeptiert. Dieses Angebot nutzen Corona-Skeptiker offenbar rege. In den verschiedenen Telegramgruppen der "Querdenken"-Bewegung teilen Mitglieder immer wieder Videos von Menschen, die sich mithilfe der Musterschreiben gegen die Maskenpflicht wehren.

Nicht so groß, wie es scheint

Diese Gruppen des Messaging-Dienstes Telegram scheinen entscheidend für die "Querdenken"-Bewegung zu sein. Die Gruppe "Querdenken421 Bremen" ist das digitale Pendant für Bremen. 262 Abonnenten hatte sie Mitte Oktober – wer genau dahintersteckt, ist nicht ersichtlich.

Diese Art der Kommunikation habe System, sagt Politikwissenschaftler Andreas Klee: Weil regelmäßige Demos derzeit schwer zu organisieren seien, habe sich der Protest mehr als sonst üblich übers Netz organisiert. Er warnt aber davor, die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer zu überschätzen: "Es können relativ schnell Strukturen erzeugt werden, die in der Wahrnehmung relativ wirkungsvoll erscheinen – aber wenn man sie genauer anschaut, vereinen sie doch nicht diese Vielzahl an Menschen hinter sich, wie der Anschein erweckt wird."

Ungefährlich ist die Bewegung allerdings aus Sicht des Experten trotzdem nicht: Die Proteste würden schon jetzt von rechten Gruppierungen genutzt, um ihre Ziele voranzubringen. Und das gelinge den sogenannten Neuen Rechten meist unerkannt, obwohl sie in den Netzwerken intensiv unterwegs seien: "Da zu sein, ohne wahrgenommen zu werden, ist eine sehr stark entwickelte Kompetenz – und erst am Ende stellt man fest, mit wem sich die Leute da eingelassen haben."

Nur eine kleine Zahl von Unterstützerinnen und Unterstützer

Aus Sicht von Andreas Klee wirkt sich auch die Größe der Demonstrationen darauf aus, wie wirksam Rechte sie für sich nutzen können. Die "Querdenken"-Bewegung in Bremen sei allerdings längst nicht so professionell aufgestellt wie in anderen Städten: "In Bremen gibt es zwar auch ein paar Leute, aber ich würde da noch nicht von einer Gefährdung in irgendeiner Weise sprechen."

Auf der Demonstration am Bahnhof sind keine Symbole rechter Gruppierungen zu entdecken, rechte Parolen sind nicht zu hören. Sind in Bremen also keine radikalen Gruppen unter den "Querdenkern"? Überprüfen lässt sich das nicht: Interviewanfragen verweigert sowohl das Organisatoren-Team der Demo als auch eine Vielzahl der Teilnehmenden.

Im Podcast

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 22. Oktober 2020, 6:40 Uhr