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Der Nachmittag mit Marius Zekri

Im Porträt Grünen-Chefin Annalena Baerbock macht Politik "mit Herz und Verstand"

Autorin

Annalena Baerbock
Seit 2013 ist Annalena Baerbock Abgeordnete im Bundestag, seit 2018 ist sie mit Robert Habeck Parteivorsitzende der Grünen. Bild: Urban Zintel

Seit heute ist klar: Annalena Baerbock wird die erste Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Die 40-Jährige ist in einem Dorf südlich von Hannover aufgewachsen, hat bei den Deutschen Meisterschaften drei Bronzemedaillen im Trampolinspringen gewonnen und wollte eigentlich Journalistin werden.

Gesprächszeit "Eine Sportlerkarriere wäre auch schön gewesen" – Annalena Baerbock

Annalena Baerbock war Leistungssportlerin, wollte eigentlich Journalistin werden – nun ist sie Kanzlerkandidatin der Grünen.

Annalena Baerbock
Bild: Urban Zintel
Bild: Urban Zintel

Ihre Arbeitswoche umfasst meist 60 bis 80 Stunden: Oft geht Annalena Baerbock zwischen 7 und 8 Uhr aus dem Haus und kommt erst um 23 oder 24 Uhr zurück. Sie arbeitet quasi rund um die Uhr. Aber sie habe es sich schließlich selbst so ausgesucht, sagt die zweifache Mutter. Für die Politik entschieden hat sich Annalena Baerbock allerdings vergleichsweise spät. Erst mit 25 Jahren trat sie der Partei Bündnis 90/Die Grünen bei.

Da habe ich gedacht: 'Wow – Politik kann wirklich was bewegen'.

Annalena Baerbock über die symbolische Grenzöffnung zwischen Deutschland und Polen 2004

Eigentlich wollte die studierte Völkerrechtlerin Journalistin werden. Als sie dann im Jahr 2004 ein Praktikum beim Europäischen Parlament absolvierte, erlebte sie einen Schlüsselmoment: die symbolische Grenzöffnung am 1. Mai 2004 zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice durch den damaligen Außenminister Joschka Fischer und seinen polnischen Amtskollegen anlässlich des EU-Beitritts Polens. Es ist in besonderer Moment für Baerbock, die mit dem Selbstverständnis aufgewachsen ist, gemeinsam in Europa zu leben, zusammen studieren zu können und frei reisen zu können: "Da die "Ode an die Freude" zu hören – es war schon dunkel, die Sterne am Himmel – das war wirklich ein sehr emotionaler Moment. Da habe ich gedacht: 'Wow – Politik kann wirklich was bewegen'."

Nicht nörgeln, sondern Vorschläge machen

Solche großen, emotionalen Momente sind in der Politik allerdings nicht das Alltagsgeschäft, weiß Baerbock inzwischen. Der Weg hin zu einer politischen Einigung sei oftmals lang. Was schließlich zählt, sei bei den Verhandlungen vor allem auch Detailversessenheit und Beharrlichkeit.

Man sollte aus meiner Sicht eine Grund-Empathie und Interesse an Menschen haben.

Annalena Baerbock über politisches Gestalten

Dass es zum Beispiel bei ihr wichtigen Themen wie der Flüchtlingspolitik nur in kleinen Schritten vorangehe, könne frustrieren und Ungeduld erzeugen. Aber wichtig sei es dann, nicht zu resignieren und nur zu nörgeln, sondern – auch in der Opposition – konkrete Vorschläge zu unterbreiten, so Baerbock. "Mir ist wichtig, dass politisches Gestalten immer Herz und Verstand bedeutet. Und die Menschen und den einzelnen Menschen auch wirklich zu sehen. Man sollte aus meiner Sicht eine Grund-Empathie und Interesse an Menschen haben und sich auch immer wieder fragen, was bedeutet das jetzt für die unterschiedliche Situation."

Kindheit in ländlicher Idylle

Annalena Baerbock kommt aus Schulenburg, einem Ortsteil von Pattensen – einem Dorf südlich von Hannover. Sie ist in einer Art Hausgemeinschaft mit ihren Eltern und zwei Schwestern, Tante, Onkel und deren Kindern auf einem großen Bauernhof aufgewachsen. In dieser ländlichen Idylle hat sich Annalena Baerbock als Kind schon mit Nachrichten aus Kriegsgebieten beschäftigt.

Das läge vermutlich an den Amnesty-Zeitschriften und Büchern, die es Zuhause gab – und den Fluchterfahrungen, von denen ihre Großmutter oftmals erzählte, glaubt Baerbock: "Das war was, was mich von Anfang an begleitet und interessiert hat. Dann war ja auch der Jugoslawien-Krieg und bei uns sind Geflüchtete aus Bosnien ins Dorf eingezogen. Da habe ich dann auch viel drüber nachgedacht und gesprochen." Woraufhin sie dann später auch Völkerrecht studierte – mit dem hehren Ziel, "Kriegsberichterstatterin" zu werden.

In einer politischen Organisation war Annalena Baerbock in ihrer Jugend nicht zu finden, dafür aber bei vielen Demonstrationen – und auf dem Sportplatz. Genau genommen auf dem Fußballplatz und auf dem Trampolin. Als Jugendliche betrieb sie fünf Mal die Woche Leistungssport und holte bei den Deutschen Meisterschaften im Trampolin-Springen drei Mal Bronze. Nur ein einziges Mal habe sie das Training geschwänzt, um mit ihrem damaligen Freund Eis essen zu gehen. Das schlechte Gewissen sei aber so groß gewesen, dass sie das Eis nicht einmal habe genießen können, erzählt Baerbock. "So eine Sportlerkarriere wäre auch schön gewesen", erinnert sie sich heute.

Nächste Station Kanzleramt?

Seit 2013 ist Annalena Baerbock Abgeordnete im Bundestag, seit 2018 hat sie gemeinsam mit Robert Habeck den Parteivorsitz der Grünen inne: "Robert und ich haben, als wir das Parteiamt vor drei Jahren übernommen haben, für uns gesagt: 'Mensch, lass doch mal schauen, ob wir Politik nicht in manchen Bereichen auch etwas anders machen können.' Ein bisschen mehr miteinander, aufs Team setzen." Doch trotzdem mussten sich die Grünen entscheiden: Wer von den beiden soll bei der diesjährigen Bundestagswahl als Spitzenkandidatin den Wahlkampf ziehen? Jetzt ist klar: Annalena Baerbocks stellt sich der Herausforderung.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 22. Januar 2021, 18:05 Uhr