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Die Nacht

Im Porträt Demütigung war für Anna Mayr als Kind von Arbeitslosen Alltag

Autorin

Anna Mayr
Bild: Anna Tiessen

Anna Mayr ist 27 Jahre alt und als Kind in einem "Hartz 4"-Haushalt groß geworden. Heute ist sie Redakteurin bei der "Zeit" und hat ein vielbeachtetes Buch geschrieben: "Die Elenden – Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht".

Gesprächszeit "'Das Schlimmste an Hartz 4 ist dieses Demütigende" – Anna Mayr

Anna Mayr ist als Kind in einer "Hartz 4"-Familie groß geworden. Sie hat ein vielbeachtetes Buch über die Verachtung von Arbeitslosen geschrieben: "Die Elenden"

Anna Mayr
Bild: Anna Tiessen
Bild: Anna Tiessen

Schon mit 14 wusste Anna Mayr, dass sie Journalistin werden möchte. Nach einem Geografie- und Literaturstudium in Köln ging sie nach Berlin, wo sie Redakteurin im Politik-Ressort der "Zeit" ist. Die Journalistin hat einen besonderen Blick auf das Thema "Arbeitslosigkeit", weil sie schon sehr früh gezwungen war, sich damit zu befassen.

Dann habe ich in der Schule kein Frühstück dabei und dann sind meine Eltern vielleicht noch krank...

Gedanken, die sich Anna Mayr als Kind von Langzeitarbeitslosen regelmäßig gemacht hat

Als Kind sogenannter Langzeitarbeitsloser ist Anna Mayr mit "Hartz 4" aufgewachsen. Sie erinnert sich gut an die vielen Schwierigkeiten, die das im Alltag mit sich gebracht hat: "Kann ich morgen überhaupt mit dem Fahrrad in die Schule fahren, weil – es ist kaputt? Oder meine Winterjacke ist kaputt und dann friere ich und dann habe ich in der Schule kein Frühstück dabei und dann sind meine Eltern vielleicht noch krank – dieser ganze Rattenschwanz von Problemen, die ein armes Kind hat..." Doch es war nicht nur der materielle Mangel, unter dem sie gelitten hat, sondern auch der emotionale Druck, den all das mit sich brachte: "Dass man permanent das Gefühl bekommt: Man stellt Ansprüche auf Dinge, die einem nicht zustehen. Das in Kombination mit dem Materiellen macht einen traurig."

Die Schande des Gescheitert-Seins

Und zwar traurig als eine Art Dauerzustand. Denn spürbar war immer "die Schande des Gescheitert-Seins", sagt Anna Mayr. Die Art, wie manche Menschen auf den Ausdruck "Hartz 4" reagierten, die Klischees über Arbeitslose, die sie im Fernsehen sah, die Demütigung, wenn den Mitschülerinnen und Mitschülern klar wurde, dass ihre Familie die Klassenfahrt nicht bezahlen kann – all das gab ihr das Gefühl, nicht dazu zu gehören und daran auch noch selbst schuld zu sein. Als Kind hat sie sich dafür geschämt. Als junge Frau hat sie ein Buch darüber geschrieben, denn inzwischen ist für sie klar: Die Gesellschaft braucht Menschen, die keine Arbeit haben. Sie sollen ein abschreckendes Bild des Elends seins – das alle anderen dazu bringt zu arbeiten – selbst dann, wenn die Arbeitsbedingungen unmenschlich sind.

"Sozial schwach" ist total beleidigend – es sagt eigentlich: "Du kannst Dir wohl keine Freunde suchen."

Anna Mayr über Vorurteile gegenüber Arbeitslosen

Anna Mayr erklärt in ihrem kämpferischen Buch die Geschichte der Arbeit und der Arbeitsmoral – und enttarnt die Vorurteile gegen Arbeitslose, die sich nicht zuletzt auch in unserer Sprache zeigen: "'Sozial schwach' ist total beleidigend – es sagt eigentlich: 'Du kannst Dir wohl keine Freunde suchen.' Und 'arm' ist einfach nur eine Zustandsbeschreibung. Und in Wirklichkeit hat sich die Mehrheitsgesellschaft damit geschützt – nämlich vor dem Gedanken, dass Menschen tatsächlich in Deutschland arm sind." Dass Armut politisch gewollt ist, daran hat Anna Mayr keinen Zweifel – aber sie hat auch Vorschläge für eine gerechtere Gesellschaft, in der Kinder nicht arm sein müssen und es nicht automatisch einer Demütigung gleichkommt, keine Erwerbsarbeit zu haben.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 15. Juni 2021, 18:05 Uhr