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Zeiglers wunderbare Welt des Pop mit Arnd Zeigler

Im Porträt Die Vorstellung vom Ruhestand findet Alice Schwarzer "entsetzlich"

Autorin

Alice Schwarzer
Alice Schwarzer ist stolz darauf, dass sie vielen Frauen Mut gemacht hat. Bild: DPA | Henning Kaiser

Sie wird geliebt, sie wird gehasst – und das seit fast 50 Jahren. Nur wenige Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten so sehr polarisiert wie Alice Schwarzer, die Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift "Emma". Dabei kämpft sie nicht gegen Männer, sondern für Frauen. Es geht ihr vor allem darum, die Geschlechter menschlicher zu machen.

Gesprächszeit "Wir haben die Geschlechterordnung gründlich erschüttert" – Alice Schwarzer

Sie wird geliebt und gehasst – und das seit fast fünfzig Jahren. Nur wenige Frauen haben in den letzten Jahrzehnten so stark polarisiert wie Alice Schwarzer.

Alice Schwarzer
Bild: DPA | Henning Kaiser
Bild: DPA | Henning Kaiser

 

Alice Schwarzer wurde 1942 unehelich geboren, während des Zweiten Weltkriegs. Das kleine Mädchen wuchs bei den Großeltern in Wuppertal auf, bei einem sehr liebevollen Großvater und einer – wie Schwarzer sagt – durchaus "anstrengenden" Großmutter. Der fürsorgliche Großvater und die politische, intellektuelle Großmutter haben ihr Rollenverständnis deutlich geprägt. Die Realität sah dagegen damals noch ganz anders aus, erfährt Schwarzer, als sie als junge Frau in die Welt aufbricht: "Im Nachhinein muss ich sagen, ist es nicht ganz ohne Komik, dass ich Feministin geworden bin. Denn der emotional nächste Mensch war mir doch über lange Strecken ein Mann."

Es geht nicht um die Frage, ob man abtreibt. Sondern es geht darum, wie man abtreibt.

Alice Schwarzer über die Forderung nach einem Recht auf Abtreibung

1963 geht Alice Schwarzer zum ersten Mal nach Paris. Von 1970 bis 1974 studiert sie dort, unter anderem bei dem Philosophen Michel Foucault. In dieser Zeit freundet sie sich auch mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre an. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten Bruno zusammen, erst in Frankreich, später pendelt sie zwischen Berlin und Paris. Von dort "importiert" sie die Frauenbewegung nach Deutschland.

1971 organisiert Schwarzer eine Kampagne, die über die Republik hinaus für Aufsehen sorgt: 374 Frauen bekennen im "Stern": "Wir haben abgetrieben!" Sie fordern die Abschaffung des Paragraphen 218. "Die Kampagne war kein Geständnis, sondern eine Provokation", sagt Schwarzer heute. Sie selbst war damals auch eine der 374 Frauen – selbst abgetrieben hat sie aber nie.

Bei der Debatte um Abtreibung ist ihr am wichtigsten: "Es geht nicht um die Frage, ob man abtreibt. Sondern es geht darum, wie man abtreibt. Ob man das entmündigt und angstvoll und auf dem Küchentisch tut, und riskiert die Sterilität und gar sein Leben. Oder ob man das mit medizinischer Hilfe und selbstbestimmt tun kann."

Im Zentrum von Kontroversen

Das Jahr 1975 markiert einen Wendepunkt für Alice Schwarzer: Das Streitgespräch mit Esther Vilar, der Autorin von "Der dressierte Mann", macht Schwarzer von einem Tag auf den anderen zur öffentlichen Person. Damals titelten die Tageszeitungen: die Männer für Vilar, die Frauen für Schwarzer. Dabei kamen laut Schwarzer damals ein Drittel der Zuschriften von Männern, die sich bedankten, weil sie selbst ihre bisherige Rolle als überholt ansahen. Wie Schwarzer erzählt, plante sie einmal sogar ein Heft mit ausschließlich Männern als Autoren, weshalb sie von extremen Feministinnen heftig angefeindet wurde, und zunächst Abstand davon nahm.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten folgen weitere, Aufsehen erregende Auftritte. 2001 wird Alice Schwarzer in eine Sendung mit Verona Feldbusch (heute: Verona Pooth) eingeladen – ihrer Meinung nach mit dem Ziel, das alte Spiel "Frau gegen Frau" neu aufleben zu lassen. Die Sendung wird zu einem einzigen Streitgespräch.

Immer wieder gibt es Rassismus-Vorwürfe gegen Schwarzer. Zum Beispiel nach der Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht 2015 oder wegen ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem politisierten Islam. "Ich unterscheide zwischen Frauen, die traditionell ein Kopftuch tragen, (…) und Frauen, wie wir hier in Deutschland haben, die damit kokettieren und für dieses Kopftuch sozusagen Propaganda machen", so Schwarzer. "Seit 1979 ist das Kopftuch die Flagge des politischen Islams. Und darüber müssen wir reden." 

Die, die ehrlich von mir enttäuscht sind, da kann ich mich nur entschuldigen: Es tut mir leid.

Alice Schwarzer über ihre Steuerhinterziehung

Ein weiterer Vorwurf: Steuerhinterziehung. 2013 zeigte Schwarzer sich deshalb selbst an und zahlte 200.000 Euro Steuern nach. Es wurde auch gegen sie ermittelt. Die Steuerhinterziehung bezeichnet Schwarzer heute ganz klar als Fehler: "Da kann ich mich bei den Frauen, die da enttäuscht sind – vor allem, die wirklich enttäuscht sind; natürlich, die Menschen, die hämisch waren, die sich gefreut haben, dass ich einen Fehler gemacht habe, von denen rede ich nicht, die können mich mal – aber die, die ehrlich von mir enttäuscht sind, da kann ich mich nur entschuldigen: Es tut mir leid. Und ich kann ganz gewiss sagen: Es kommt nicht wieder vor. Niemand zahlt in so einem Übereifer Steuern wie ich jetzt."

Keine "wilde Ehe" mehr

"Die Hälfte der Welt für die Frau – und die Hälfte des Hauses für den Mann", das ist Schwarzers Prinzip. Lange Jahre war sie Gegnerin der Ehe, weil sie die Frauen ihrer Meinung nach häufig in eine Abhängigkeit trieb. Im Sommer 2018 macht Schwarzer dann selbst den Schritt und heiratet ihre langjährige Lebensgefährtin, um "ein bisschen Ordnung in die Sache zu bringen" und "damit man gegenseitig mehr Rechte hat", so Schwarzer.

Gemeinsam mit ihrer Ehefrau, der Fotografin Bettina Flitner, bringt Alice Schwarzer 2018 ein Buch über ihre "algerische Familie" heraus – eine Wahlfamilie, mit der sie seit vielen Jahren eine innige Freundschaft pflegt. Heute ist Schwarzer 78 Jahre alt – doch die Vorstellung, sich zur Ruhe zu setzen und sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, kommentiert sie so: "Um Gottes Willen! Das ist ja langweilig! Entsetzlich!"

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 13. Januar 2021, 18:05 Uhr