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Der Sonntagnachmittag mit Kristin Hunfeld

Im Porträt Erinnerungen an Michail Gorbatschow

Autorin

Michail Gorbatschow im Jahr 2010 (Archivbild)
Michail Gorbatschow 2010 im Alter von 79 Jahren. Bild: DPA | abaca/Olivier Douliery

Den Sozialismus menschenwürdiger gestalten und ihn für die Marktwirtschaft öffnen – das war Michail Gorbatschows Programm, als er 1985 als jüngster Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) antrat. Das Ergebnis war eine veränderte Welt. Auf der einen Seite war er Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung, andererseits löste er den Zerfall der Sowjetunion aus. Nun ist Michail Gorbatschow im Alter von 91 Jahren gestorben. 2005 blickte er in unserer Gesprächszeit auf entscheidende Stationen seines Lebens zurück.

Michail Gorbatschow im Jahr 2010 (Archivbild)

Gesprächszeit "Erst muss die Welt sterben – dann stirbt auch die Perestroika" – Michail Gorbatschow

Michail Gorbatschow ist im Alter von 91 Jahren gestorben. 2005 blickte er in unserer Gesprächszeit auf entscheidende Stationen seines Lebens zurück.

Bild: DPA | abaca/Olivier Douliery

Ohne ihn wäre der 3. Oktober in Deutschland womöglich ein Tag wie jeder andere. Michail Gorbatschow wollte mit einem Umbau und einer Modernisierung des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems, der sogenannten "Perestroika", die Sowjetunion reformieren. Damit wurde er zum Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung. In Russland gehen die Meinungen über Gorbatschow daher extrem auseinander. Für die einen ist er Schuld am Scheitern der Sowjetunion, für die anderen ist der damalige Generalsekretär der KPdSU ein Freiheitsbote, der in letzter Minute den Eisernen Vorhang hochzog.

Erst muss die Welt sterben – dann stirbt auch die 'Perestroika'.

Michail Gorbatschow am 3. Oktober 2005 in der Gesprächszeit

Für seinen beispiellosen Reformprozess und seine führende Rolle bei der Beendigung des Kalten Krieges erhielt Michail Gorbatschow 1990 den Friedensnobelpreis. 2005, rund 25 Jahre nach der Zeit von Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit), erhielt er zudem den Augsburger Friedenspreis und war zu diesem Anlass Gast in der Gesprächszeit. Damals war er überzeugt, dass die "Perestroika" immer noch lebt: "Absolut! Damit hat etwas angefangen, das nicht nur mein Land veränderte, und eine Rückkehr in die Vergangenheit wird es nicht geben. Die Perestroika war doch die Chance für die samtenen Revolutionen in Osteuropa. Für neue internationale Beziehungen frei von den ideologischen Grabenkämpfen. (...) Erst muss die Welt sterben – dann stirbt auch die Perestroika."

In Russland entscheidet sich das Schicksal Europas

Das 20. Jahrhundert war doch ein raues, paradoxes Jahrhundert.

Michail Gorbatschow am 3. Oktober 2005 in der Gesprächszeit

Geboren 1931 im Dorf Priwolnoje in der Region Stawropol, musste Gorbatschow schon früh auf dem Feld anpacken. Sein Vater war Mähdrescherfahrer, während Stalin seinen grausamen Terror über das Land ausbreitete und die Bevölkerung unter großer Armut litt. "Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es für alle schwer war", so Gorbatschow. "Das 20. Jahrhundert war doch ein raues, paradoxes Jahrhundert. Es ist doch verblüffend, was man im 20. Jahrhundert alles erreicht hat. Im menschlichen Zusammenleben, in der Wissenschaft. Aber es war doch auch das grausamste, das blutigste, das allerblutigste. Deshalb müssen wir uns aus diesem Jahrhundert das Gute nehmen. Das, was den Menschen befähigt mit seiner Umwelt, dem Kosmos, in Dialog zu treten."

Auch das hat mich die Politik gelehrt: zu überleben!

Michail Gorbatschow am 3. Oktober 2005 in der Gesprächszeit

Michail Gorbatschow erlebte den Krieg, die Besatzung, und war 14 Jahr alt, als Frieden über Europa einzog. Sein Vater ermöglichte ihm in den fünfziger Jahren ein Studium an der Moskauer Universität, die sein Leben entscheidend prägte. Von dort an durchlief er alle politischen Stationen seiner Partei. Er regierte, wurde Mitglied im Zentralkomitee und im Politbüro der KPdSU und schließlich stand er selbst an der Spitze der Partei, nachdem der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees Tschernenko gestorben war. Auch wenn es ihn manchmal in die Wissenschaft zog, hat er nicht versucht auszusteigen. "Auch das hat mich die Politik gelehrt: zu überleben!", sagte Michail Gorbatschow 2005 in der Gesprächszeit.

Das Ende der Sowjetunion

Im August 1991 war die Politik schneller als er. Die DDR gab es nicht mehr. Litauen und die Ukraine hatten ihre Unabhängigkeit erklärt und ein neuer Unionsvertrag musste her. Westliche Finanzhilfen blieben aus, Versorgungs- und Haushaltskrisen häuften sich. Nach einem Putsch der konservativen Reformgegner ging Boris Jelzin als lachender Dritter hervor. Die zentralasiatischen Republiken erklärten ihren Austritt aus der KPdSU und Gorbatschow musste als Generalsekretär zurücktreten. Die Sowjetunion zerfiel.

Die Politik – das ist schon eine kolossale Angelegenheit. Alle verfluchen sie und alle brauchen sie.

Michail Gorbatschow am 3. Oktober 2005 in der Gesprächszeit

Zeit seines Lebens hat sich Michail Gorbatschow mit politischen Fragen beschäftigt. Mit seiner Stiftung hat er sich für demokratische Werte in Russland eingesetzt. Als Gründer des Internationalen Grünen Kreuzes engagierte er sich für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz. "Die Politik – das ist schon eine kolossale Angelegenheit. Alle verfluchen sie und alle brauchen sie. Die Welt ist so kompliziert und wird immer komplizierter. Es ist doch so schwierig Interessen auszugleichen, alle einzubeziehen, eine Balance zu finden. All das muss die Politik und müssen die politischen Institutionen leisten", resümierte er 2005.

Der Liebhaber klassischer Musik liebte Rachmaninov, Tschaikowski und Schostakowitsch, schätzte aber auch deutsche Komponisten wie Mahler, Wagner oder Bach. "Musik muss man mit der Seele und dem Herzen hören", sagte er. Nun ist Michail Gorbatschow im Alter von 91 Jahren nach einem bewegten Leben gestorben. Beerdigt werden soll der Politiker auf dem Neujungfrauenfriedhof für Prominente in Moskau – neben seiner Frau Raissa, die 1999 starb.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 31. August 2022, 18:05 Uhr