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Die Nacht

Die Morgenandacht Die zerbrochene Tasse

Wolkenhimmel, dahinter Lichtstrahl

Die Morgenandacht Die zerbrochene Tasse

Es tut weh, wenn etwas zerbricht, das einem lieb ist. Umso besser, wenn man eine Möglichkeit findet, aus dem Zerbrochenen etwas Neues, Schönes zu machen. Pastorin Wibke Winkler erzählt von einer Möglichkeit.

Bild: Pixabay

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Ein Kind sitzt am Nachbartisch im Café. Es nippt genüsslich an einer großen Tasse. Ein Kakaobart ziert seine Oberlippe. Vorsichtig und mit beiden Händen setzt es die große Kakaotasse ab und will sie zurück auf den Tisch stellen. Doch der Tisch ist weiter entfernt als die Arme lang und es kommt, wie’s kommen muss: Die Tasse landet nur halb auf dem Tisch, wackelt bedenklich… und fällt auf den Boden. Es klirrt. Auf dem Boden liegen eine ganze Menge Scherben und Kakao mit Sahne. Das Kind starrt mit offenem Mund in den Scherbenhaufen. Nach einer kurzen Schockstarre bricht es in lautes Geschrei aus, dicke Tränen kullern aus den Augen. "Nein! Das soll wieder heile!"

Zerbrochenes – Kinder in einer bestimmten Entwicklungsphase können damit nur ganz schwer umgehen. Denn Menschen müssen erst lernen, mit Brüchen umzugehen, mit Zerbrochenem. Eine Tasse Kakao, die vom Tisch fällt, ist dafür ein gutes Lernfeld. Das Kind mit dem Kakaobart schnieft und sagt unter Tränen: "Papa, ich will das kleben. Das soll wieder genauso aussehen wie vorher." Es ist ein langes Lernen: Einiges lässt sich wohl kleben, aber nichts lässt sich ungeschehen machen. Auch als Erwachsene mache ich diese Erfahrung: Manches, was zerbricht, kann ich wieder kleben. Aber die Bruchstellen bleiben sichtbar. Manchmal bleibt sogar eine Lücke, weil ich nicht alle Scherben zusammensetzen konnte. Wenn etwas zerbricht, dann wird es nicht wieder so wie vorher.

Aber es ist vielleicht ein Irrglaube, dass es das muss, um gut zu sein. Eine Methode, mit Brüchen umzugehen, gibt es, die mich sehr fasziniert. Sie kommt aus Japan und heißt Kintsugi. Bei dieser traditionellen Methode wird zerbrochenes Porzellan mit Lack und Goldpulver wieder zu einem Stück zusammengesetzt. Es entsteht so ein zufälliges und wunderschönes Gold-Muster entlang der Risse. Sogar fehlende Scherben können ergänzt werden. Und das Schönste ist: Das Porzellan gilt hinterher nicht als ramponiert, sondern es ist wertvoller als zuvor. Das Gold klebt nicht nur die zerbrochenen Teile wieder zusammen, es veredelt das Porzellan.

Wie es wohl wäre, wenn ich lerne die Brüche in meinem eigenen Leben so anzusehen? Es ist nicht ramponiert, es ist unverwechselbar. Und das, was die einzelnen Teile zusammenhält, ist Gold wert!

Autor/Autorin

  • Wibke Winkler